Riley B. King ist einer jener ganz, ganz Großen, die man hinter jedem Pseudonym sofort erkennen würde: Ein Großmeister des Blues mit einer charakteristischen Stimme, deren Volumen jedesmal aufs Neue verblüfft. Und natürlich ist der King nicht vorstellbar ohne Lucille, seine E-Gitarre... Gralshüter der reinen Blues-Lehre dürften verzweifelt das Riechsalz suchen, denn kaum ein anderer integriert so souverän Soul, Jazz, Rhythm'n'Blues, Motown in seinen Blues, ohne beliebig zu werden -- heute so wie damals, 1990 zum Beispiel. Da war er auch schon 65 Jahre alt und besticht mit einer Energie, die ihresgleichen sucht. Aber immer ist er elegant, und zwar nicht auf die pseudo-cool aufgebrezelte Art, sondern mit jener Zurückhaltung, die die wahre Eleganz ausmacht.
"Gezügelte Ekstase", so könnte man das vielleicht nennen, wie B.B. King sich jedesmal dem Ende eines Songs entgegenpirscht.
Am meisten beeindruckt seine Pirsch diesmal vielleicht in "Sweet Sixteen", "Ain't Nobody's Bizness", und natürlich in "Paying the Cost to be the Boss". Ja, und dann zelebriert er mit "All Over Again" über sieben Minuten lang eine virtuose Variation über "Summertime" der etwas anderen Art, und "Peace to the World" schließt das ganze Konzert als Finale furioso ab.
B. B. King kann hundertmal seine eigenen Klassiker singen, und wenn er sie zum hundertundersten Male vorträgt, reißt man die Augen auf und stellt die Ohren: Jedes Mal fällt ihm etwas Neues ein, ohne dass er Effekte heischen müsste. Er kann solo auftreten, er kann aber auch eine glänzend aufgelegte Jazzband auf die Bühne bitten, so wie an jenem denkwürdigen Abend 1990 im Harlemer Apollo-Theater mit der Philip Morris Superband. Die hat nämlich eine Extra-Würdigung verdient, und selbstverständlich würdigt B.B. King sie auch, als "Guess Who"-Intro: Keine 08/15-Band, sondern eine Band, deren Mitglieder im Laufe des Abends in dezenten, nie überbordenden Soli beweisen, dass sie auch als Solisten nicht verhungern würden.
Das Publikum ist fasziniert, und der Zuhörer daheim im Wohnzimmer ist's nicht minder. Selten dürfte B.B. King seine eigenen Erfolge noch mitreißender, noch mehr aus einem Guss vorgetragen haben.