Audio
Endlich eine Scheibe, auf der Us-Meistertrompeter Wynton Marsalis mit Hirn und Herz jazzt. 25 Jahre war der Amerikaner bei den Konzerten vom 19. und 20. Dezember 1986 alt, ein agiler Profi, der dabei fast zwei Stunden über- ragenden Live-Jazz einspielte. Keine Frage, daß bei diesem musikalischen Top-Perfektonisten auch der Sound stimmt. Er ließ eine digitale Zweispu- raufnahme anfertigen, die Publikumsgeräusche und Bewegungen der Musiker auf der Bühne auch über die heimischen Boxen im Wohnzimmer nachvollziehen läßt. Schon nach den ersten Takten ist klar: Solche aberwitzig schnellen und zugleich butterweich geblasenen Tonkaskaden können nur von Wynton Marsalis stammen. Er spielt gelöst, nuancenreich, reiht ein Kabinettstück- chen ans andere und bleibt doch frei vom einengenden Zwang zum hyperpräzi- sen Spiel, das seine Studioplatten oft streng und steril wirken läßt. Live reagiert Wynton Marsalis auf Applaus, live reizt er die Rhythmusgruppe zu Dialogen und begibt sich dabei auf Entdeckungsreisen fernab der üblichen Solopfade. Seine Sidemen sind bei solch gewagtem Spiel voll in ihrem Ele- ment. Pianist Marcus Roberts, am Konzertabend noch nicht mal 24 Jahre alt, baut in seine Begleitung altmeisterlich verschränkte Melodiefiguren ein, zitiert kurz Thelonious Monks blockige Akkorde und geht schon wenig später wie einst McCoy Tyner auf hymnische Traumreisen. Noch verrückter bringt's der damals 23jährige Bassist Robert Leslie Hurst III, der mit immer neuen Gedankenlinien für den Fluß der Musik sorgt und gleichzeitig seine Partner zum Sprung über trickreich herausgespielte Stromschnellen zwingt. Erst recht kein stromlinienförmiger Begleiter ist Drummer Jeff "Tain" Watts, mit knapp 27 Jahren der Senior des Ensembles. Er peitscht Rhythmusgruppe und Solisten voran, fängt spontan rhythmische Einfälle auf und wandelt sie in eigene um. Kein Wunder, daß sich dieses Quartett bei Temponummern wohl fühlt und nur wenige Balladen in das knapp zweistündige Programm ein- flicht. Welcher Erfindungsreichtum in dieser Band steckt, lassen jeweils drei grundverschiedene Versionen von "Knozz-Moe-King" und "Juan" erkennen.
© Audio
Stereoplay
Es gibt derzeit keinen virtuoseren Interpreten des Bebop als den 28 Jahre alten Trompeter Wynton Marsalis. Vollkommen beherrscht er die Alten Mei- ster wie Miles Davis, Freddie Hubbard oder Clifford Brown. Dazu hat er ein Quartett, dessen Mitglieder dem Leader an technischen Fertigkeiten in nichts nachstehen: Eine deutliche Vorliebe für die Rhythmusgruppe der Mi- les-Davis-Combo von 1963 ist auf "Live At Blues Alley" herauszuhören, dem Pianisten Marcus Roberts gelingt sogar mancher Auftritt origineller als dem Wundertrompeter. Doch der interaktive Wettstreit in dichter Clubatmo- sphäre macht gerade den Reiz dieses Doppelalbums aus.
© Stereoplay