Einem Live-Album von Jerry Lee Lewis aus dem Jahr 1964 könnte man in zweierlei Hinsicht mit Skepsis begegnen: Zum einen, weil er seinen großen kommerziellen Erfolg im Bereich Rock'n'Roll zwischen 1956 und 1958 hatte, zum anderen, weil man bei einem Live-Album von 1964 eine schlechte Klangqualität erwarten könnte.
Zu letzterem ist zu sagen, dass dieses Album damals anerkannt neue Maßstäbe in Punkto Klangqualität setzte. Es übertrifft zeitgleiche und oft auch spätere Liveaufnahme bei weitem, u. a. läßt es auch das Album "The greatest Live Show on earth" deutlich hinter sich, das für den amerikanschen Markt aufgenommen wurde, weil das Starclub-Album in Amerika schwer erhältlich war. Jerrys Stimme und sein Klavierspiel sind sehr klar und dominant, auch Bass und Schlagzeug kommen gut rüber. Nur die E-Gitarre klingt bei Soli teils etwas dünn. Dafür wird die Atmosphäre, vor allem die Reaktionen des Publikums, erstaunlich gut eingefangen. Kurz: ein Live-Album, bei dem man kaum glauben kann, dass es vor 44 Jahren aufgenomen wurde.
Zum musikalischen Teil: Der Killer, wie Jerry Lee auch genannt wird, war bei Live-Auftritten immer noch besser, noch wilder, noch energiegeladener als bei seinen Studioaufnahmen. Seine Konzerte in den 60ern gelten bei vielen als die besten. "Abnutzungserscheinungen" gab es damals noch nicht. Seine intensive Countryphase begann erst kurz nach dem Auftritt im Starclub, folglich ist fast ausschließlich Rock'n'Roll zu hören - und zwar von seiner wildesten, anarchichsten Art.
Gleich beim Opener "Mean Woman Blues" zieht Jerry alle Register und zeigt, wo es lang geht: Harter, schneller, dynamischer Rock'n'Roll mit meist hammerharten Klaviersoli. Dazu singt, schreit, stöhnt und schnurrt er - letzteres mit seinem berühmten "Rrrrr". Es folgt sein Hit "High School Confidetial" den er so schnell bringt, dass es fast ein wenig überdreht wirkt. Vor "Money", einem Hit aus den frühen 60ern (Original von Barrett Strong), kommt die vielleicht längste Ansage des Albums. Diese dauert aber nur etwa 10 Sekunden. Überhaupt hält sich Jerry mit Ansagen zurück und spielt oft ohne Ansage Song auf Song, was dem Album zusätzliche Dynamik beschert. Nach dem eher ruhigen, bluesigem "Matchbox" kommt eine hervorragende, zweiteilige Version des Ray Charles-Klassikers "What'd I say". Danach steht das damals vor Rock'n'Rock wohl weitgehend "behütete" deutsche Publikum, für das derartige Auftritte neu gewesen sein muss, endgültig Kopf und "Jerry Jerry"-Rufe tönen durch den Star Club. Der Killer nutzt die Gunst und spielt seinen größten Hit "Great Balls of Fire", der von der Menge mitgesungen wird.
Danach gibt es für Jerry kein Halten mehr. Ein Rock'n'Roll-Klassiker folgt dem anderen. Er spielt dabei auch einige Hits anderer Künstler, denen er aber eine eigene, sehr schnelle, wilde Note gibt. Diese Dynamik wird nur einmal durch das einzige wirklich ruhige Stück auf dem Album unterbrochen, dem Hank Williams-Song "Your Cheatin' heart". Dabei stellt Lewis unter Beweis, dass er auch in diesem Genre exzellent ist. Anschließend nimmt er das vorherige schnelle Tempo mit einer harten Version von "Hound Dog" sofort wieder auf. Das eigendliche Konzert endet mit einer sehr langen Version seines Hits "A whole lotta shakin' goin' on". Die beste Version dieses Songs, die ich kenne! Eine sehr harte Version von "Down the Line" wird dem tobenden Publikum als Zugabe serviert.
Das Album ist nicht nur für Jerry Lee Lewis-Fans Pflich, sondern auch jedem wärmstens zu empfehlen, der Rock('n'Roll) der etwas härteren Gangart mag. Nach dem Hören wird klar, warum das Album damals nicht nur in Punkto Klang, sondern auch in Punkto künstlerische Darbietung neue Maßstäbe setzte. Völlig zurecht gilt es auch heute noch als eines der besten - für einige sogar DAS beste - Live-Album der Rockgeschichte. Es ist für wahr ein Meilenstein!