Wir müssen uns damit abfinden, die beste Zeit von Deep Purple ist wohl endgültig vorbei! Ich will mich nicht auf weitere Blackmore/Morse-Diskussionen einlassen - da gibt es viele verschiedene Meinungen. Und für mich als absoluter Fan der MK II ist "Purpendicular" und "Bananas" gelungen, mit "Abandon" habe ich so meine Schwierigkeiten, und "Rapture of the Deep" ist, bei allem Wohlwollen, höchstens mittelmäßig.
Wir reden hier aber über den Auftritt in Montreux, das seit dem berühmten Vorfall im Dezember 1971 untrennbar mit Deep Purple verbunden ist, dokumentiert in dem unverwüstlichen "Smoke on the Water". 35 Jahre später ist von dem einstigen Glanz nicht mehr viel übriggeblieben. Ian Gillan quält sich bei höheren Tönen und versucht vergeblich, den Ton zu halten (besonders unangenehm beim Opener "Pictures of Home"), was sich zwar im Laufe des Konzerts bessert, doch eine Meisterleistung ist dieses hier nicht. Steve Morse ist zwar ein unbestreitbar virtuoser Techniker, doch fehlt ihm das Feeling, das einem Gänsehaut bescheren kann. Don Airey halte ich für einen der besseren Keyboarder dieser Welt, gemessen an Jon Lord (für mich immer die Seele von Deep Purple) ist er trotzdem nur ein kleines Licht. Bei seinem Solo versucht er (mit Boogie- und Klassik-Einlagen) Lord zu imitieren. Doch bei diesem Vorhaben konnte er bestenfalls nur Zweiter werden. Würde er ein eigenes Profil entwickeln und nicht nur seinem Vorgänger nachstreben, könnte er auch den Respekt von alten Purple-Fans gewinnen. Morse ist das - trotz aller unterschiedlicher Meinungen - gelungen. Ian Paice spielt solide wie immer. Mehr kann ich über ihn nicht sagen. Wer überrascht, ist der sonst eher im Hintergrund stehende Roger Glover, der mit einer Spielfreude dabei ist, die er noch nie zuvor so offen gezeigt hatte. Er animiert das Publikum, wie es sonst nur Gillan und Lord konnten. War es in der Vergangenheit Jon Lord, der die fragile Konstruktion namens Deep Purple zusammenhielt, scheint dieser Posten nun von Glover übernommen zu sein. Er ist die positive Überraschung des Auftritts.
Letztendlich muß jeder - mir fiel die Erkenntnis nicht leicht - einsehen, daß die Zeit von Deep Purple vorbei ist. Das macht dieser Auftritt leider mehr als deutlich. Mit Blackmore UND Lord fehlt die Essenz dieser Band. Gute Musik, nach wie vor, doch die magischen Momente fehlen. Die Band ist heute eine Einheit, doch die Stärke kam früher immer aus den Spannungen der Individuen, und die sind nicht mehr da.