Die legendäre nicht Erst- aber Referenzbesetzung von Velvet Underground im Juni 1993 im "L'Olympia Theater" in Paris. Das Schönste an diesem Dokument ist wohl die Tatsache, daß es diese Konzerte, diese Tournee überhaupt gegeben hat. Es hat etwas Gerechtes, daß eine Band, auf die sich in den Achtzigern Dreiviertel von Planet Indie bezogen hat, nochmal wiederkommen und sich öffentlich huldigen lassen konnte. Sowas wird es nie mehr geben, denn Sterling Morrison ist tot. Außerdem können Lou Reed und John Cale auf längere Sicht anscheinend nicht in unmittelbarer Nähe voneinander existieren. Die VU-Reunion scheiterte letztlich an ihren Konflikten. "Live MCMXCIII" ist ein etwas zwiespältiges Vergnügen. Das Cover ist sch*#!e. Nichts gegen die Banane vom Cover der "Velvet Underground & Nico", letztlich auch nichts gegen das Aufgreifen der eigenen Ikonen, aber die Banane in Silber vor blauem Samttuch-Hintergrund, der Schriftzug wie in Alufolie gestanzt obendrüber und diese römischen Zahlen darunter...grauenhaft. Lou Reeds störrische Weigerung, wenigstens annährend wie damals zu intonieren und erst recht zu phrasieren muß man wohl so hinnehmen. Und es ist auch sein Recht, nach all den Jahren nach dem Split von VU, in denen er das Zeug solo rauf- und runtergearbeitet hat, auf seinem Habitus zu bestehen...Aber einige Stücke (besonders "Venus In Furs") zerknarzt er damit total, und das wirkt mariniert, divenhaft, es nervt einfach. Ein besonderer Fan von seinem polierten vintage-ohne-Patina-Gitarrensound war ich auch noch nie, in spielerischer Hinsicht gibt es aber nichts zu meckern. Die ausgedehnten Solo-Strecken auf z.B. "Hey Mr. Rain" (im Duell mit Cales heulender Viola) sind schon ziemlich cool. Und was er aus der alten Tante "Heroin" rausholt, verdient dann doch großen Respekt (gilt für die ganze Band). John Cale ist dagegen nahezu unantastbar. Die zum eigenen stoischen Baßspiel vorgetragene Geschichte auf "The Gift" kommt hier um Einiges besser zur Geltung als seinerzeit auf "White Light/White Heat". Und die Version von "All Tomorrows Parties", auf der Cale (wie auch anderswo) als Ersatz für Nico einspringt, ist komplett besser als das Original, auch wenn mir da viele widersprechen würden. Was war wohl der Grund, daß er (und nicht Reed) "Waiting For The Man" gesungen hat?
Neben Reed und Cale fallen die anderen Zwei natürlich nicht so auf. Aber Sterling Morrisons Rhythmusgitarre, und das habe ich schon oft gesagt, ist einfach klasse: Auf den Punkt, entschieden unvirtuos aber so toll geschrammelt ("Some Kinda Love"!), und sein Sound ist besser als der von Reed; klingt nicht so, als wäre er durch tausend Geräte geschickt worden, um irgendwie authentisch zu klingen, sondern klingt einfach authentisch; wie Kabel-rein-und-ab-die-Post, auch wenn das ein Klischee ist. Moe Tuckers Solo-Performances, "Afterhours" und "I'm Sticking With You", sind (teilweise auch ob ihrer gesanglichen Schräglage) anrührend und leicht. Schöne Auflockerungen zwischen dieser ganzen Bedeutungs- und Legendenfülle (Eigentlich ist ja jeder VU-Song sowas wie ein 100 Meter hoher Obelisk auf einem Stoppelfeld so groß wie das Saarland.). Sie zeugen auch von sorgfältiger Repertoirepflege und einem (zumindest äußerlichen) Bemühen um Parität. Selig wie beim "Musikantenstadl" mitklatschende Franzosen stören da leider ein wenig, aber das ist wohl unausweichlich bei solchen Ereignissen.