Anfang der Achtziger musste Joan Baez feststellen, dass sie nicht mehr so "in" war wie in den vorangegangenen beiden Jahrzehnten, und dass es auch für sie schwerer wurde, einen festen Plattenvertrag zu bekommen, weshalb sie weniger Alben veröffentlichte und sich mehr auf Liveauftritte verlegte. Das vorliegende Album, entstanden bei verschiedenen Auftritten in Deutschland, Italien und (wahrscheinlich) Frankreich, war hörbar auf den europäischen und insbesondere den deutschen Plattenmarkt zugeschnitten, wo sie immer auf eine treue Fangemeinde zählen kann, wie die vielen deutsch gesprochenen Ansagen und deutsch gesungenen Lieder erkennen lassen; For Sasha spielt sogar in Deutschland. Höchst unwahrscheinlich, dass Joan Baez mit einem solchen Album in ihrem Heimatland hätte punkten können.
Wie schon auf früheren Live-Alben ("Live in Italy" ('70) oder "From every Stage" '(76)) wandelt Joan Baez auch hier auf dem schmalen Grat zwischen wirklich Ergreifendem (Diamonds and Rust, For Sasha, Cambodia) und ihrem Hang, in mit rehäugiger Inbrunst vorgetragenen Songs voller Melodieseligkeit und Lagerfeuer-Romantik (The Boxer, Gracias a la Vida) zu versinken ("lalalala la la la..."). Am schlimmsten wird es, wenn die Grenzen dabei verschwimmen und sie Songs, die ursprünglich wirklich kraftvolle sozialkritische und politische Botschaften haben, zu reinen Mitsing- und Mitklatsch-Arien degradiert (Here's to you).
Ich bin kein Purist, wenn es darum geht, Liveaufnahmen im Studio nachzubearbeiten. Auf diesem Album hat sie dies in den meisten Fällen getan, obwohl sie die Konzerte offensichtlich alle solo bestritten hatte: auf Gracias a la Vida kommen spanische Gitarrenklänge hinzu, Soyuz Druzyei wird mit Mandolinenklängen aufgedickt, Cambodia mit einer Querflöte, und in einigen Songs doppelt sie ihren Gesang (The Boxer, Cambodia, Gracias a la Vida, Here's to you). Hier wäre weniger einfach mehr gewesen, wie die unbearbeiteten Aufnahmen zeigen (For Sasha, Diamonds & Rust).
Joan Baez kann Dylan wirklich gut parodieren, wie sie schon '75 in Simple Twist of Fate oder auch '83 in ihrer Live-Version von A hard Rain's a-gonna fall zeigte. Wenn sie aber im totgenudelten Blowin' in the Wind auch noch mit einer weiteren Studio-Gesangsspur ein Duett mit Bob Dylan simuliert, dann rückt dies gefährlich nah an die Art von destruktiver Selbstparodie heran, mit der Dylan seinerseits schon einen Song wie The Boxer (auf "Self Portrait", 1970) zerstört hatte - nur geschah dies seinerzeit bei ihm, im Gegensatz zu Joan Baez, im bewussten Versuch, sein Image zu zerstören.
Einen weiteren unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen eben jene Ansagen, die vielleicht aus ihrer Unsicherheit heraus entstehen, aber eher anbiedernd wirken, z.B. wenn sie in The Boxer ihr Publikum gleich nach dem ersten Refrain lobt: "That was good, by the way. Tres bon. Tres bien - tres bon. Both", als sei nicht gerade der Refrain dieses Liedes kinderleicht mitzusingen; oder wenn sie das Publikum vorm Refrain von Blowin' in the Wind zum Mitsingen animiert, indem sie wiederholt ankündigt: "The answer...", als gäbe es noch irgendjemanden, der nicht wüsste, was jetzt kommt.
"Sometimes I have discovered sat ven I'm speaking in se Tschörman people it's better sometimes also to sound like sis and sen understanding sey me better." Es gibt ein paar Lacher, aber ich finde es sehr unangebracht, sich auf diese Weise über die sprachlichen Unzulänglichkeiten ihres Publikums lustig zu machen. Ihre oft bewiesene Sprachbegabung in allen Ehren (Soyuz Druzyei singt sie gar in Russisch, was ich freilich nicht überprüfen kann); aber es lacht ja auch niemand über ihre Aussprache in "Kinder (Sind so kleine Hände)" oder in The Rose, das sie auf deutsch singt und dabei das "r" stellenweise auf eine Art rollt, die vermuten lässt, dass sie sich das Lied nach einer Version von Konstantin Wecker phonetisch auswendig gelernt hat. (Auf ihr Wecker-Cover von "Wenn unsere Brüder kommen" auf "Live in Europe" drei Jahre später jedenfalls trifft das offensichtlich zu.)
Den dritten Stern bekommt das Album von mir Für Diamonds & Rust und For Sasha, zwei ihrer besten Lieder überhaupt.