Über die Qualität der Musik von
Made in Japan (bzw. "Live In Japan" in Japan) möchte ich nichts mehr sagen; wer das Album kennt, weiß, dass es zu den Top Ten der besten Live-Alben gehört. Wer es (noch) nicht kennen sollte, es gibt hinsichtlich der Musik genügend andere Rezensionen.
Die Frage ist, ob man das 3-CD-Box-Set tatsächlich braucht, oder ob nicht "Made In Japan" in der Original-Version ausreicht. Dafür gibt es verschiedene Gesichtspunkte: vor 1998 kam man um den Kauf dieser Edition gar nicht herum, weil es bis dahin nur die CD-Erstüberspielung von 1989 gab. Ich habe mir diese CD-Box daher direkt 1993 gekauft. Einerseits wegen dem digitalen Re-Mix der Original-Masters durch die Abbey Road Studios, andererseits weil ich - wie viele andere Liebhaber dieses Albums - wissen wollte, wie die anderen Versionen der Titel sich anhören, die die Band an den drei Konzerten spielten (über 50 % der Titel des Original-Albums stammen von den Tapes vom 16. August 1972 in Osaka).
Hinsichtlich des zweiten Gesichtspunktes wurde ich nicht enttäuscht, denn die einzelnen Versionen der Titel weichen doch recht voneinander ab, was die Soli von Ritchie Blackmore und insbesondere Jon Lord angehen. Da kann man doch feststellen, dass die Band in den Konzerten sehr viel gejammt hat und so gut und virtuos aufeinander eingespielt war, dass sie nie an "feste" Soli gebunden war.
Klasse ist auch, dass man bei dieser Edition die Ansagen von Ian Gillan zwischen den einzelnen Titeln hören kann. Zum Re-Mix: Gitarre und Orgel wurden zum ersten Mal in die richtige Position gebracht, Gitarre nun rechter und Orgel linker Kanal. Der Gesang von Ian Gillan ist lauter als auf der Erstveröffentlichung von 1989 und meiner Meinung auch lauter als auf der Remastered Version von "Made In Japan" von 1998, was ich persönlich aber nicht als störend finde. Störend finde ich bei "Live In Japan" aber etwas, dass der Bass von Roger Glover für meinen Geschmack im Re-Mix zu weit in den Hintergrund gemischt wurde. Das ist schade und daher ein halber Punktabzug.
Was die Auswahl der Songs angeht, hätte man mit dieser 3-CD-Edition die "Made In Japan"-Version von "Smoke On The Water" (15. August 1972 - Osaka) veröffentlichen können, was aus Gründen der CD-Kapazitäten leider unterblieb. Denn nur bei dieser Version bekam R. Blackmore das markante Anfangsriff des Titels fehlerfrei hin. Statt dessen konnte man z.B. auf eine zweite Version von "The Mule" verzichten, da dies ein (sehr gutes) Drum-Solo ist, wobei aus meiner Sicht eine Version gereicht hätte. Aber das ist reine Geschmacksache und man kann das natürlich auch anders sehen.
Das 24-Seiten-Booklet ist hoch informativ, was die Geschichte dieser inzwischen legendären Japan-Konzerte angeht einschl. vieler Farbfotos (allerdings überwiegend aus dem Londonder "Rainbow" - Juli 1972).
Wer sich nur für die Musik des Albums "Made In Japan" interessiert, braucht diese Box nicht wirklich, zumal es seit 1998 ja die Remaster-Edition
Made in Japan (25th Anniversary Edition) dieses Klassikers gibt, die noch drei Bonus-Tracks enthält und klanglich klasse ist. Der Bass ist auch wieder da wo er hingehört, nämlich in's Ohr des Zuhörers und auch sonst ist an dieser Version nichts zu bemängeln. Gitarre und Hammond-Organ sind beim Remaster wieder getauscht, so dass es sich wieder so anhört, wie man das schon 1972 von der LP kannte (warum die Positionen seinerzeit überhaupt getauscht wurden, ist mir unerklärlich; auch das Booklet sagt dazu nichts).
Was fehlt, ist der bekannte Ausruf von Ian Gillan nach dem Ende von "The Mule": "Ian Paice on the drums, yes"! Der gehörte für mich immer zum Titel, schade.
Wer allerdings - wie ich - auch einmal die anderen Versionen der Titel hören möchte, kommt um "Live In Japan" nicht herum. Denjenigen kann ich den Kauf der 3-CD-Box nur uneingeschränkt empfehlen. Das Tokyo-Budokan-Konzert vom 17. August 1972 ist außerordentlich gut und druckvoll. Der Begleittext sagt, dass das Konzert wohl das beste, aber der Sound in Tokyo nicht gut war und man deshalb überwiegend auf das Osaka-Konzert vom 16. August 1972 zurückgegriffen hätte. Wirklich nachvollziehen kann ich das nicht, wenn man sich das Tokyo-Concert anhört.
So eine Veröffentlichung wünschte ich mir auch einmal von den fünf "Fillmore East"-Concerts der Allman Brothers Band vom 12./13. März und 27. Juni 1971
At Fillmore East (Deluxe Edition) The Fillmore Concerts.
Für "Live In Japan" gute 4 1/2 Sterne, für "Made In Japan" 5 Sterne! Weniger geht bei diesen beiden Alben wirklich nicht.