Aus all den vielen Häutungen der weißen Schlange seit ihrer Gründung Ende der 70er Jahre trat 1989/1990 in Bezug auf die Besetzung an den Sechssaitigen sicherlich die schillernste Schuppung zu Tage.
Adrian Vandenberg sollte mit dem Album ,Slip Of The Tongue' (
WHITESNAKE SLIP OF THE TONGUE-20TH ANNIVERSARY EXPANDED EDITI) nun endlich zu Songwriter-Ehren für Coverdale's Ensemble gelangen, musste aber direkt in Riesenfußstapfen, die der demissionierte John Sykes mit dem Mega-Seller ,1987' hinterlassen hatte, treten.
Der Holländer schrieb die Songs, war dann aber der Legende nach wegen Handgelenksverletzungen nach isometrischen Klavierübungen nicht in der Lage, diese im Studio einzuspielen. Etwas Spektakuläres musste also passieren und Coverdale engagierte wie oft zuvor und auch danach einen anderen Gitarrengott für die Studioparts und sicher auch als Showeffekt für die anstehende ,Liquor & Poker World Tour', die für die Band die größte der Karriere werden sollte: Steve Vai hatte sich mit den Transkriptionen vermeintlich undokumentierbarer Zappa-Kompositionen, seiner Gitarrenakrobatik für die DAVID LEE ROTH - unvergessen die Gitarre mit dem herzförmigen Korpus und den drei Hälsen im Video zu ,Just Like Paradise' - sowie dem Auftritt in dem Film ,Crossroads' einen Namen gemacht. Während sein reichlich verqueres Soloalbum ,Flexable' mehr etwas für Saitenfetischisten war, hatte er zudem mit ,Passion & Warfare' ein ungewöhnlich massentaugliches Gitarrenalbum in der Mache.
Für Coverdale und Vai war die Zusammenarbeit also als win-win-situation gedacht. Der Sänger konnte den aktuell spektakulärsten Sechssaiter präsentieren und Vai das populäre Vehikel WHITESNAKE nutzen, um seine eigene Solokarriere zu pushen.
Fans der weißen Schlange, die schon mit der amerikanischen, metallischen Ausrichtung von `1987' ihre Probleme hatten, wurden mit der Veröffentlichung von ,SOTT` dann geradezu in Seinskrisen gestürzt. Das Album klang völlig amerikanisiert und konnte ob seiner Melodik und bombastischen Produktion gar nicht deutlicher in Richtung Charts schielen. Kompakte, melodiesichere Pop-Rocker wie ,The Deeper The Love' und ,Now You're Gone', das Epos ,Sailing Ships', die Up-Tempo-Kracher ,SOTT' und ,Wings Of The Storm' und leider auch Überflüssiges wie ,Cheap & Nasty', und ,Kittens Got Claws', das Remake ,Fool For Your Loving' sowie der ungenierte ,Kashmir'-Klon ,Judgement Day' hatten mit dem bluesgetränkten Hard Rock der ersten Jahre nichts mehr zu tun.
Nun, die großangelegte Tournee führte die Truppe nach 1983 wiederum als Headliner des ,Monsters Of Rock' - in Deutschland lief das Festival unter dem Titel ,Super Rock' - ins legendäre Donington. Das Billing war erstklassig, durften doch POISON, QUIREBOYS, AEROSMITH und eine junge, auftrumpfende Truppe namens THUNDER die Stimmung anheizen. BBC 1 filmte das Event und recht schnell kursierte der WHITESNAKE-Auftritt als italienischer und klanglich ordentlicher Bootleg unter dem Titel ,Whitesnake - Monsters Of Rock'.
Dieses Doppel-Livealbum ist deshalb von besonderem Reiz, weil es in der Karriere der Band eine extreme Phase abbildet: Mit Vandenberg und Vai konkurrierten zwei Gitarrenasse, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Sarzo und Aldridge steuerten zudem die die wohl schwermetallenste Rhythmus-Fraktion der Bandgeschichte bei. Alle fünf Akteure setzten optisch auf den seinerzeit so angesagten Leder-Nieten-Kettchen-Dauerwelle-Strähnchenlook - bizarr sind Coverdales schwarze Biker-Handschuhe mit dem Band-Logo im Nieten-Stick.
Genauso schrill, pompös, posenhaft und effekthaschend fiel dann auch die Setlist aus, die - mit Ausnahme des Live-Klassikers , Ain't No Love...' - allein aus Tracks bzw. Interpretationen aus den drei ,amerikanischen' Alben der Band - ,Slide It In',1987',`Slip Of The Tongue - und zwei Instrumentaltracks aus Vai's Soloalbum bestand. Kein ,Lovehunter', ,Walking In The Shadow Of The Blues' oder `Ready An' Willing', keine Hammond - und Slidesounds erinnern an die Ursprünge der Band. Gleich mit dem pathetisch-kathedralen Intro, wird verdeutlich, wo anno 1990 bei WHITESNAKE der Hammer hing. Beim rasanten Opener ,Slip Of The Tongue', dem vielleicht härtesten Song der Bandgeschichte dürfen die beiden Gitarreros mit Aldridges Unterstützung an der Double Bass gleich richtig ran, und der Song weiß durchaus zu gefallen, wenngleich The Cov an der einen oder anderen Stelle auch seinerzeit schon auf dem letzten Loch pfiff.
`Slide It In' und `Slow An Easy` werden dann sehr heavy, aber noch am ehesten an den Originalfassungen angelehnt präsentiert. ,Kitten's Got Claws' und `Cheap An' Nasty' sind trotz allerdings High-Tech-Licks auch live verzichtbar, spannender wäre es gewesen ,Now You`re Gone' und 'Wings Of The Storm' zu kredenzen. Unverständlicherweise wird ,Give Me All Your Love' von '1987' geschlabbert.
Vandenberg darf dann mit einem zweigeteilten Solospot ran, bei dem das sphärische 'Adagio For Strato` interessanter ist als der folgende ,Flying Dutchman Boogie'. Erwähnenswert ist sicher die Darbietung von ,Crying In The Rain', bei der Tommy Aldridge sein lange Jahre traditionelles Schlagzeugsolo - auch zu hören auf ,Live - In The Shadow Of The Blues' - integriert.
Vai's Promoaktion in eigener Sache - `For The Love Of God' und `The Audience Is Listening' - wirkt dann deplaziert und führt m.E. bei aller technischen Erhabenheit zu einem Stimmungsbruch im Konzertverlauf.
Hiernach liefert die Weiße Schlange aber bis zum Konzertende mit ,Here I Go Again', `Bad Boys', einer wuchtigen Interpretation des Live-Klassikers ,Ain't No Love In The Heart Of The City' und `Still Of The Night' nur noch Hochkarätiges.
Schwachpunkte des Albums sind sicherlich die allein auf die `amerikanische' Phase ausgelegte Setlist und die Songauswahl innerhalb derselben, sowie der auch für eine Livescheibe und angesichts einer Setlist von 17 Stücken etwas üppig geratene Anteil von viereinhalb Solotracks.
Spaß macht es aber, einige Klassiker im typischen Hair-Metal-Gewand der späten 80er zu vernehmen. Die Soundqualität ist ordentlich und besser als auf den seit zwanzig Jahren kursierenden Boots. Persönlich ziehe ich bei Livescheiben zudem Mitschnitte eines gesamten Konzerts immer dem Aneinandereichen von Tracks diverser Shows vor. Coverdale - ganz der Entertainer - lässt hier auch die eine oder andere unterhaltsame Ansage vom Stapel.
Fazit: Wenn ,Live - In The Heart Of The City' das Hochamt für Puristen ist und `Live - In The Shadow Of The Blues' die Brücke zur Neuzeit schlägt, dann ist ,Live in Donington 1990' das exaltierte Bindeglied dazwischen. Ich freue mich auf die DVD, weil Vandenberg, Vai und Sarzo sich seinerzeit zu Posen hinreißen ließen, für die man sich in der schon kurze Zeit später aufkommenden Grunge-Phase schwer geschämt hätte, die heute aber ein nostalgisches Schmunzeln auslösen.