Zunächst meine Übersetzung des Briefes auf der Rückseite des Plattencovers:
18. November 1971, 19.30 h
Holiday Inn, Edmonton, Alberta
In etwa dreissig minuten wird Derek uns einsammeln und zum Jubilee Auditorium hinunterfahren,
wo ein mit 3.000 Zuhörern vollbesetztes Haus auf uns warten, sowie 52 Musiker, 24 Sänger und
ein Regiment von Sound-, Licht-, Aufnahme- und Spezialeffekt-Leuten auf uns warten.
Zu sagen, unsere zweieinhalb Tage (gemeinsamer)Aufnahmen seien glatt verlaufen, wäre gelogen,
und so ist statt Zuversicht eine aufgeregte Nervosität präsent. Die erste Erfahrung der Gruppe
(in Stratford, Ontario 1969) hat uns gezeigt, daß Symphoniker ihr Bestes bis zum Auftritt sparen.
Darauf setzen wir in dieser späten Stunde all unsere Hoffnungen.
Wir fanden heute nachmittag Zeit, unsere quadrophonischen Effecte auszuprobieren; die Explosion
wird die Fundamente erschüttern. Keith (Keith Reid - Texte) sagt, daß die Seemöwen klingen, als
würden sie über Deinem Kopf kreisen, wenn Du dort draussen bist.
Der verstärkte Chor soll sowohl von der Bühne wie auch aus dem Hintergrund des Theaters kommen
und so das Publikum mit seinem Klang umgeben. Die wissen, was sie tun, und ihre Begeisterung ist
ansteckend.
Wir lassen Chris (Thomas - Produzent) und Wally (Heider - Mobile Studio) die Aufnahmen machen;
niemand könnte das besser. ("Für das, was sie aufnehmen sollen, möge Gott uns wahrlich helfen.")
Heute nacht haben wir die Gelegenheit, mit den Instrumenten und Stimmen zusammenzuspielen, mit
denen wir uns verwandt fühlen, und ich weiß, daß wir und jeder andere unser Bestes geben werden.
G.B.
Als Gary Brooker diese Zeilen schrieb, war die Band im Begriff, die womöglich großartigste Zusammenarbeit
einer Rockband mit einem Symphonieorchester und einem Chor aufzunehmen. Denn hier wurden nicht Songs von
Orchesterpassagen unterbrochen, wie bei Moody Blues - hier wurden von Gary Brooker Chor- und Orchester-Scores
für diese Songs geschrieben, damit sie einmal so klingen sollten, wie er sie sich immer gewünscht hatte.
Das Ergebnis war phänomenal! Und wenn man den Applaus und die völlig ausgeflippten Begeisterungsrufe hört,
fühlt man sich mittendrin in einem Ereignis, das wohl allein aus Kostengründen nur sehr selten stattfinden
konnte (es gab noch mindestens einen weiteren Auftritt dieser Art im Hollywood Bowl).
In einem Interview aus den 90ern sagte Gary Brooker: "Heute bringen alle Videos heraus. Es wäre schön, dieses
Ereignis auf Film zu haben. Haben wir es damals gefilmt? Nein, haben wir nicht. Pink Floyd hätten es getan.
Für uns war es damals so schon schwierig genug, überhaupt die Mittel zu alledem von der Plattenfirma bewilligt
zu bekommen. Wir waren eben nicht Pink Floyd."
Nein, das waren sie nicht. Pink Floyd setzten sehr auf bombastische Lightshows und einen gigantischen Sound.
Procol Harum haben für all das nie die Mittel gehabt. Sie glänzten stattdessen - wie eine Perle versteckt
in einer Auster - mit phantasievoller, dichter und ganz originell eigenständiger Musik; so komplex, daß man
sich erstmal darauf einlassen muß. Die dann aber um so viel nachhaltiger ist.
John Lennon und George Harrison mochten sie; Pete Townsend haben sie zu Quadrophenia inspiriert; und an diesem
Abend in Edmonton waren viele andere Rock- und Popmusiker wie z. B. Joni Mitchell im Publikum.
Tja - nun habe ich noch immer nicht versucht, die Musik selbst zu beschreiben.
Ich halte das auch nicht für möglich, deshalb will ich nur zwei Anspieltipps geben: "Whaling Stories"
(Walfänger-Geschichten) und "A Salty Dog" (Ein Seebär). Wobei der kurze AMAZON-Anspielclip das furiose
Finale von "Whaling Stories" gar nicht ahnen läßt - unbedingt ganz hören!
Wem bei der dunklen, romantischen Atmosphäre dieser beiden Stücke keine angenehme Gänsehaut verspürt,
für den ist dies nicht die richtige Platte. Alle anderen: unbedingt kaufen!
Für mich ein herausragendes Werk der Rockgeschichte; eine meiner drei Lieblingsplatten von Procol Harum.