Wieder mal zeigt einer der Altvorderen, wie's gemacht werden muss: Paolo Conte langatmig vorzustellen hieße Wörter verschwenden. Conte gehört seit jeher zu denen, die souverän alle musikalischen Sortierkriterien ignorieren, und die Schublade, die er nicht sprengen würde, ist noch immer nicht gezimmert und wird auch nie gezimmert werden: Einflüsse von Jazz, Chanson, italienischer und südamerikanischer Volksmusik und Klezmer (oh ja! Ich sag nur "Molto Lontano") sind nicht zu überhören, und beeinflusst haben ihn unter anderem Duke Ellington, Django Reinhardt, Kurt Weill, Astor Piazzolla -- allererste Adressen en masse. Was Conte aus alledem entwickelt hat, fuchtelt dennoch nicht enervierend mit Anspruchswedeln herum, sondern federt melodiös, ohne je banal zu werden. Und bei aller Perfektion klingt die Musik niemals steril.
Die Begleitband ist handverlesen, von der Pikkoloflöte bis zum Akkordeon und zum Kontrabass, schmiegt sich geradezu an Contes Stimme und Piano an, beherrscht alle Tempi und Stimmungen, von tiefster Melancholie bis zu quirligem Ragtime, dem es nicht schnell genug gehen kann, ohne in Hektik oder gar aus dem Takt zu fallen. Näheres höre man sich hier an, z.B. in "Come Di". Oder in einem "Via con me", dem etwas anderen Gassenhauer. Oder, ganz lässig, bei "Sotto le stelle del jazz". Oder egal wo sonst. 100%ige Trefferquote, egal wo man reinhören will. Bei diesem Konzert waren Conte und seine Band in der Form ihres Lebens.
Contes Stimme tut ein übriges. Wer ihn (noch) nicht kennt: Conte ist kein Strahletenor, kein schmachtender Belcanto, auch kein schmetternder Latin Lover, sondern... ja was... Es klingt ein wenig wie zur halben Nacht, nach zwei Packungen filterlose Gitanes. Aber Conte ist hellwach und krächzt nicht. Rauh intoniert er und treffsicher. Mal sanft, mal zornig. Mit Gänsehautgarantie.
Von seinen ewigen Abräumern spielt Paolo Conte hier unter anderem:
Sotto le stelle del jazz, Via con me (das kommt am Ende nochmal als Zugabe, unter Publikumsbeteiligung), Come Di, Sparring Partner, Max, Alle prese con una verde milonga, Hemingway, Genova per noi -- und ein nachgerade orgiastisches, über zehn Minuten lange zelebriertes "Diavolo rosso", das allein schon die Anschaffung des Albums rechtfertigt. Diese Oboe-Soli, und dieser teuflische Gitarrist... und ein Paolo Conte, der hier höchstpersönlich dem Höllenfürsten die Leviten zu lesen scheint: grantig, ohne je laut werden zu müssen.
Dazu kommt Neues seinem damals aktuellen Album "Elegia". Ein Paolo Conte reitet nunmal keine alten Gäule zuschanden, in keiner Hinsicht.
Wer mal wieder hören will, wie sich ein Könner in seinen reiferen Jahren anhören kann, und das in d e r Freiluft-Arena schlechthin, oder wer ganz einfach eine faszinierende Konzertaufnahme hören will, die sich souverän über alle musikalischen Etikettierungsversuche hinwegsetzt, der greife hier zu. Bereuen wird's keiner, der noch Ohren hat, die diese Bezeichnung verdienen.