Als Kind hatte ich, als es noch kein Internet und kein Wikipedia gab, Bücher zu Hause, die nannten sich: "Alles Wissen dieser Welt" oder ähnlich. Natürlich konnte in diesen Büchern nicht das komplette Wissen der ganzen Welt Platz finden. Trotzdem war ich irgendwie schon der Meinung, dass da was dran sein müsse.
In Wirklichkeit waren diese Bücher aber eigentlich mehr ein Sammelsurium von Nützlichem und Unnützlichem aus allen möglichen Wissensgebieten: z.B. das chemische Periodensystem, die Auflistung der Veranstaltungsorte früherer Olympiaden oder deutscher Fußballmeister. Vieles stand dort mehr oder weniger zusammenhanglos, wurde nur angerissen und war leider am Ende auch wenig verwertbar trotz des mächtigen Titels.
So ähnlich ging es mir auch mit dem hier zu rezensierenden Buch von Karl-Heinz Bieritz. "Liturgik" deckt wirklich eine fast unüberschaubare Menge von Feldern ab (Baustile von Kirchen, Abendmahlspraxis, Gewänder, (liturgische) Kalender u.v.v.m.). In der Regel beginnt er seine Darstellung jeweils mit dem urchristlichen Hintergrund, geht ein auf die Entwicklung in der Alten Kirche, fährt fort mit der Differenzierung in Ost- und Westkirche, um schließlich auf die Praxis in den reformatorischen Kirchen zu sprechen zu kommen. Seine Darstellung zeugt von großer Expertise, die einzelnen Abschnitte sind sehr konzis, strotzen aber gleichzeitig von Fachbegriffen aus der jeweiligen Zeit in lateinischer, griechischer, syrischer oder sonstiger Sprache. Das ist sehr beeindruckend und auf über 650 Seiten fasst Bieritz zusammen, was man so über Liturgik alles wissen kann und vielleicht wissen sollte.
Allerdings erschlägt den Leser auch die Fülle der Information. Zwar lässt sich durchaus ein roter Faden in der Darstellung erkennen. Trotzdem wünscht man sich an vielen Stellen entweder eine tiefergehende Diskussion des Themas oder eine Konzentration auf Wesentliches. Immer wieder stellt sich bei mir beim Lesen der Eindruck ein: Von allem zu viel und gleichzeitig zu wenig.
Die Gefahr scheint Bieritz selbst geahnt zu haben. Sein Buch besteht in der Grundlage aus so genannten Hand-Outs, die er an seine Studierenden anlässlich seiner Seminare und Vorlesungen verteilt hat. Diese hat er verbunden, überarbeitet und - so seine Hoffnung - auch zusammenhängend lesbar gemacht. Herausgekommen ist dabei ein Kompendium, eine Fundgrube des Wissens, die - zumindest mich - am Ende ein wenig ratlos zurücklässt. Was soll ich mit diesem Buch anfangen? Um ein Überblickswissen über das gesamte Gebiet der Liturgik zu bekommen, sind mir die Ausführungen an vielen Stellen zu detailliert. Viele der dargestellten Probleme stellen sich im Alltag und der Praxis nicht. Wenn sich für mich am Ende der Lektüre über Gesang als Ergebnis einstellt, dass die reformatorischen Kirchen wieder den Gemeindegesang entdeckt haben, ist mir das nach all den Seiten zu wenig. Aber die vielen genannten Details bleiben eben nicht hängen, sind vielleicht auch nicht "anschlussfähig".
Auf der anderen Seite: Würde mich das Thema "Gesang im Gottesdienst" tatsächlich vertieft interessieren, gäbe es da nicht bessere Einführungen speziell zu diesem Thema?
Hochachtung vor dem Wissen von Karl-Heinz Bieritz, großes Lob für die Breite seines Wissens und die Kunst, dieses Wissen in den fast 700 Seiten dieses Buches zusammenzufassen. Trotzdem bleibt für mich am Ende ein zwiespältiges Gefühl: Alles Wissen der Liturgik - ja, aber eben zu viel und gleichzeitig zu wenig. Am Ende ist ein Nachschlagewerk herausgekommen, in das man zu bestimmten Themen schauen und einen ersten Eindruck gewinnen kann, sozusagen der Brockhaus der Liturgik, ohne allerdings einer alphabetischen Gliederung zu folgen.
Zum Thema zu viel bliebe am Ende noch anzumerken, dass Bücher aus dem Verlag Walter de Gruyter immer schon ein bisschen teurer waren. So bleibt tatsächlich zu überlegen, ob man die Unkosten für dieses Buch wirklich aufbringen will, wenn es für den Einsteiger zu viel und für den Experten zu wenig bietet. Ich werde jedenfalls schauen, ob ich es nach Abbruch der Lektüre in Zukunft als ein solches Nachschlagewerk nutzen kann und werde. Aber das bleibt abzuwarten.