"Every finger in the room is pointing at me". Mit dieser für ihre innere Unsicherheit so charakteristischen Zeile eröffnet Tori Amos ihr Debütalbum Little Earthquakes. Es ist ein Konzeptalbum über das Ausbrechen aus religiöser Zugehörigkeit, Adoleszenz, Beziehungen und sexuellen Abhängigkeiten. Ein Album über das Erwachsenwerden als Mensch und als Musikerin. Das Cover-Artwork von Cindy Palmano bildet sie gefangen in einer Box ab. Auf der Rückseite des Booklets ist die Box leer. Phallische Pilze schießen aus dem Boden. "Ins Wasser zu springen und auf der anderen Seite herauszukommen, war der Sinn dieses Albums. Mir wurde klar, dass ich mich als Frau neu taufen lassen musste, um mich von der Doktrin, mit der ich aufgewachsen bin, zu lösen.", beschreibt die Tochter einer halb-indianischen Mutter und eines Methodisten-Priesters ihre Emanzipation als Künstlerin und das Loslösen vom Patriarchat ihres religiösen Elternhauses. "Crucify" ist der grandiose Auftakt zu einem Album, bei dem es in jedem Moment brutalster Offenheit auch immer eine poetische und tröstende Metapher gibt, die getragen wird von den so typischen exzentrischen Avantgardeklängen dieser Ausnahmekünstlerin. Der Song ist eine Hommage an Anne Boleyn, die Geliebte der protestantischen Reformation, die den Beginn des Abspaltens dieser Strömung von der katholischen Kirche markiert. Die Tonlage fällt entsprechend sakral und historisch aus. Unter jeder wütenden Eruption des Schlagzeugs liegt ein atemberaubendes Piano-Solo. Die stampfende Percussion evoziert den progressiven Impetus des Protestantismus. Am Ende mündet der Song in einen Cheerleader-ähnlichen Chorus ("Mir gefiel der Gedanke, dass Anne Boleyn Cheerleader gehabt hätte. Sie hätte sie gut gebrauchen können."). Das sehr emotionale "Winter" ist eine Ode an ihren Vater. In drei Strophen durchläuft sie die Adoleszenz vom unbekümmerten Kind bis zur erwachsenen Frau. Dabei wird der Song am Ende mit einer unglaublich desillusionierenden Enttäuschung über zerplatzte Träume und das Älterwerden in Tonlage und Text geschlossen ("All the white horses have gone ahead"). Im völligen Gegenkontrast zu dieser Melancholie trägt sie im anschliessenden "Happy Phantom" in Gestalt eines fröhlichen Gespenstes ihre Unartigkeiten kokettierend als Juwel vor sich her. Das in verstörenden Zeilen abgefasste autobiographische "Me And A Gun" verarbeitet in einem intimen und ergreifenden A-Cappella-Gesang ihre Vergewaltigung. "Auf so einen Missbrauch folgt Selbsthass", sagt sie über das Ende des Albums, das mit dem Titelsong "Little Earthquakes" über die Verletzungen und die Zerrissenheit der Seele ein düsteres Finale findet. Insgesamt deckt das Album ein äußerst breites und vielseitiges Spektrum an Emotionen und Stilen ab. So schlüpft Tori urplötzlich aus der Haut eines jungen Mädchens in die einer erwachsenen Frau. Sie wandelt sich vom Teufel zur Göttin mit dem Kreuz ihres Vaters in der Hand und der Friedenspfeife ihrer Mutter im Mund. Sie gibt sich als lüsterne Madame, die nur schwer von der eigenen Lasterhaftigkeit an Männern loskommt, um dann doch an Schuldkomplexen zu zerbrechen. Sie ist gefallener Engel und zugleich Therapeut. Sie führt den Zuhörer in einem verwirrenden Spektakel in die dunkelsten Winkel ihrer Seele, die in zerklüfteten Melodien und ungezähmten Stimmen einen akustischen Ausdruck bekommen. Auf dem zeitlosen Little Earthquakes ist ihre Musik noch von der anmutigen Zerbrechlichkeit einer Newcomerin durchdrungen, die auf den Folgealben immer härter und kantiger wurde.