Und wieder bin ich im Free-TV auf eine kleine Film-Perle gestoßen. Diesmal ist es "Little Children", das vor wenigen Tagen im WDR lief. Ein ungewöhnliches, schwermütiges Gesellschafts-Drama, das das spießerhafte Bild amerkanischer Vorzeige-Familien und Musterbürger auf bissige Art und Weise entlarvt und inhaltlich dem älteren "American Beauty" ähnelt (wenn auch aus einer anderen Perspektive betrachtet).
Die Geschichte spielt sich in einem Bostoner Vorort ab. Ein Vorort, der einen idylischen und einladenden Eindruck macht. Zunächst. Denn hinter dieser Scheinfassade gibt es Menschen, die in ihren Rollen nicht die Erfüllung und Zufriedenheit finden, wie sie es ihrer Umwelt vorspielen. Sarah Pierce (hervorragend gespielt von Kate Winslet) kann sich mit ihrer Rolle als gute Mutter einer kleinen Tochter und Ehefrau eines lieben, aber Internetpornografie-süchtigen Mannes nicht anfreunden; der Alltag und die damit verbundene Monotonie entspricht nicht dem, was sich sich als "Leben" vorgestellt hat. In einem ähnlichen seelischen Tief befindet sich der gutaussehende Brad Adamson (Patrick Wilson), der seine Pflichten als Hausmann und Vater zwar tadellos erfüllt, jedoch im Schatten seiner beruflich erfolgreichen und allgemein dominierenden Gattin steht und bereits zweimal eine Zulassungsprüfung zum Anwalt verbockt hat. Der Grund für ein Scheitern ist der, das er eigentlich nicht wirklich mit Herz und Engagement bei der Sache ist und mehr an alten Teenager-Träumen hängt.
Unverhofft beginnen Sarah und Brad eine Affäre und gewinnen dadurch wieder ein Stückchen Lebensfreude und das Gefühl des Jungseins zurück. Ihre heimliche Liebelei und das Auftreten des frisch aus der Haft entlassenen Pädophilen Ronnie McGorvey (Jackie Earle Haley) bringen jedoch die geordneten Verhältnisse im Vorort gehörig ins Wanken...
Es sind diese kleinen, aber feinen Filme, die eine schöne Gegenseite zu immens teuren Blockbustern bilden. Filme, die den Zuschauer mit faszinierenden und klug durchdachten Geschichten ebenso mitreissen und begeistern können, oder aber in ihrer Dramatik sehr verstörend und darum auch schwerer verdaulich sind.
"Little Children" ist alles andere als leichte Kost, und Filmfreunde, die sonst eher schlichtere Story-Inhalte bevorzugen, werden sich hiermit anfangs bestimmt schwer tun. Wer dem Film jedoch eine Chance gibt, wird es am Ende nicht bereuen, denn der Film hat eine starke Handlungsgrundlage, die vom Ensemble an wunderbar spielenden Darstellern perfekt unterstützt wird.
Der Film spielt auf die typischen Normen und Vorgaben an, die die Gesellschaft (betont auf den amerikanischen Lebensstil) erwartet, quasi als normale Voraussetzung für ein harmonisches Zusammenleben anstrebt:
Die treue und pflichtbewusste Ehefrau, der Mann als traditioneller Haupternährer der Familie, die fehlerfreie und voll funktionstüchtige Musterehe /-familie, eine Gemeinschaft reich an toleranten, fürsorge- und rücksichtsvollen Mitbewohnern,...
Mit all diesen Rollen- und Status-Klischees wird in "Little Children" zynisch, fast schon bitterböse abgerechnet. Die Figuren suchen das persönliche Glück, wollen aus ihrem tristen Dasein ausbrechen und stehen vor einer schweren Entscheidung: entweder an sich selbst zu denken oder ihrer aktuellen Position, verbunden mit viel Verantwortung und Opfern, auch in Zukunft gerecht zu werden.
Auf diesem Wege wird sehr plastisch veranschaulicht, dass das echte Leben keine heile Welt fern von Problemen jedweder Art ist, sondern durchaus den einen oder anderen Makel aufweist und sich immer und überall versteckte, schwerwiegende Risse bilden können, wenn man nur genau hinschaut.
Die Story wäre aber nichts ohne seine Darsteller-Crew. Kate Winslet (für mich die "neue Meryl Streep" der heutigen Generation) ist hier an erster Stelle zu nennen, die fast all ihre anderen, ebenfalls gut agierenden Kollegen an die Wand spielt. Ihre Leistung gehört zum Besten, was man bisher in ihrer noch recht jungen Karriere erleben durfte, sie passt perfekt in ihrer Rolle der Sarah. Verdientermaßen auch für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert. Der noch nicht so bekannte Patrick Wilson bringt als träumerischer Brad und Seelenverwandter Sarahs eine mehr als überzeugende Performance ein. In Nebenrollen glänzen des weiteren Jennifer Conelly als Brads Ehefrau und "Hausherrin" Kathy und Noah Emmerich als gescheiterter Ex-Polizist Larry Hedges, der keine Möglichkeit auslässt, den Pädophilen Ronnie zu schikanieren. Von beiden hätten ich mir gerne noch mehr Screen-Time gewünscht.
Zuletzt wäre noch Ronnie-Darsteller Jackie Earle Haley zu erwähnen, der den um Reue bemühten Kinderschänder gut verkörpert. Allerdings halte ich seine ebenfalls oscar-nominierte Leistung ein bischen überbewertet, denn sein befremdlichen Erscheinungsbild (rattengesichtig und eiskalter Blick) und sein finaler Gefühlsausbruch sind meiner Meinung nach nicht so nachhaltig, um eine Nominierung zu rechtfertigen.
Ein absolut sehenswertes, sehr modernes Drama, das sich phasenweise in eine humorvolle Satire, heiße Romanze und zum Schluß gar in einen Thriller verwandelt. Tolle Regie, tadelloser Cast und trotz seines anspruchsvollen Inhaltes sehr kurzweilige 131 Minuten.