"Der Mann, der hineinkam, trug eine Militäruniform. Eine U.S.-Militäruniform. Er grüßte die Leute im Truck, und sie grüßte zurück, und da war mir klar, dass wir gar nicht Gefangene irgendwelcher Terroristen waren - ich war ein Gefangener der Vereinigten Staaten."
Der neue Roman "Little Brother" von Cory Doctorow berichtet über die düstere Vision eines modernen Überwachungsstaats, wie er jederzeit auch in unserer heutigen Zeit entstehen könnte.
Marcus Yallow und seine Freunde sind ganz normale Teenager. Sie gehen auf die High School in San Francisco und beschäftigen sich nebenbei leidenschaftlich mit Technologie. Als Terroristen einen Anschlag auf die Bay Bridge verüben, verändert sich das Leben der vier Freunde schlagartig. Während ihre Mitmenschen ohne Rücksicht auf Verluste nach einem sicheren Ort suchen, wird Darryl, Marcus' bester Freund, schwer verletzt. Marcus, Vanessa und Jose suchen Hilfe für ihren Freund und finden sich kurze Zeit später in einem wahr gewordenen Albtraum wieder.
Sie werden von seltsamen Männern entführt, doch wie sie entsetzt feststellen müssen, sind dies keinesfalls Terroristen. Die Männer und Frauen gehören zum Department of Homeland Security. Marcus und seine Freunde sind Gefangene der Vereinigten Staaten!
Auf qualvolle und erniedrigende Weise wird Marcus von der Heimlandschutzbehörde verhört und gefoltert. Schnell steht für die eifrigen Beamten fest, dass der Hobbyhacker ein potenzieller Al-Quida Terrorist ist und so scheuen sie keinen Versuch alles über ihn herauszufinden. Von seinen Freunden und der weltlichen Zivilisation getrennt, sterben seine Hoffnungen schnell. Als ihm schließlich die Möglichkeit geboten wird, frei zu kommen, ergreift er diese sofort. Doch die Freiheit fordert einen hohen Preis. Er muss Dokumente unterschreiben, die bescheinigen, dass Marcus sich freiwillig hat festnehmen lassen und auch die Befragungen mit seinem Einverständnis stattgefunden haben.
Marcus ist frei. Doch die scheinbare Freiheit hält nicht lange an. Kaum ist er wieder auf freiem Fuß, muss er feststellen, dass sich San Francisco in einen Überwachungsstaat verwandelt hat. Die Homeland Security wacht eisern über die Stadt. Die Freiheit musste der Sicherheit des Volkes weichen. Die Bewohner von San Francisco haben kein Recht mehr auf Privatsphäre, stattdessen muss man der DHS alles preisgeben. Wer nicht kooperiert wird als Terrorist eingestuft.
So erklärt Marcus der DHS den Krieg. Frei nach dem Motto "Traut keinem über 25!" kämpft die Jugend für ihre Freiheit und Marcus wird schnell zum heimlichen Drahtzieher und Oberhaupt dieser Freiheitsbewegung.
"Little Brother" konnte mich auf voller Linie überzeugen. Obwohl die Inhaltangabe bereits vielversprechend war und ich mich aufs lesen gefreut habe, war ich doch skeptisch, ob es Cory Doctorow gelingen würde, dieses heikle Thema gelungen umzusetzen. Dies, das kann ich an der Stelle bereits verraten, hat er auf gelungene Weise geschafft.
Marcus und seine Freunde kämpfen mit der modernen Technologie gegen niemand anderes als die Regierung selbst. Wie nicht anders zu erwarten kommen immer wieder Begriffe aus der Technologie vor, welche jedoch verständlich erklärt werden, sodass man auch ohne Wissen über die Computerwelt dem Geschehen gut folgen kann. Doctorow schafft es, dass man als Leser selbst paranoid wird und sie über die Überwachungstechniken des Staates Gedanken macht. Die vermeintliche Zukunftsversion scheint gar nicht so abwegig zu sein und gerade in der Zeit in der wir leben, ist der Gedanke gar nichts so abwegig, dass auch die eigene Stadt bald zu solch einem Überwachungsstaat wird.
Cory Doctorow schreibt sehr umgangssprachlich, wobei alles andere jedoch auch nicht gepasst hätte. Gleichzeitig mischt sich in diese Jugendsprache jedoch immer wieder auch Fachvokabular, sodass deutlich wird, dass der Autor ganz genau weiß, worüber er berichtet. So wird aus Marcus' Sicht immer wieder geschildert, wie man diverse Überwachungen umgehen kann. Im Anhang findet man kurze Berichte eines Hackers und eines Sicherheitsexperten, die noch einmal deutlich machen, dass 'Little Brother' gut durchdacht ist und keinesfalls auf Hirngespinsten aufgebaut wurde.
Alles in einem hat mich der Roman wirklich beeindruckt. Ich selbst hätte nicht damit gerechnet, dass mir das Buch so gefallen wird, geschweige denn, dass es mich tatsächlich so mitnimmt. Mir fällt es schwer, den Roman in eine bestimmte Richtung einzuordnen, geschweige denn eine Vermutung zu äußern, wem dieses Buch gefallen könnte. Ich kann trotzdem jedem nur empfehlen, sich dieses Buch zu kaufen. Es ist eindrucksvoll geschildert und reißt jeden unwiderruflich mit. Ich hatte den Roman innerhalb von zwei Tagen durch, weil ich ihn einfach nicht aus der Hand legen konnte. Abgesehen davon, dass "Little Brother" Unterhaltung der Extraklasse bietet, regt er gleichzeitig auch zum nachdenken an. Wie weit ist unsere Zivilisation von diesem düsteren Überwachungsstaat entfernt? Und wie weit darf eine Regierung für die Sicherheit des Volkes gehen?
"In dem Moment wusste ich, dass ich nicht weglaufen durfte.
In dem Moment wusste ich, dass ich bleiben und kämpfen musste."
FAZIT
Ein sehr eindrucksvoller Roman über einen Überwachungsstaat in der heutigen Zeit. Der Roman regt zum nachdenken an und behandelt nicht nur ein sehr aktuelles sondern auch ein sehr heikles Thema.
NOTE
8 / 9 Punkten