1997 erschien bei der Oxford University Press Jonathan Cullers Literary Theory: A Very Short Introduction; dieser Band liegt nun in deutscher Übersetzung in Reclams Universal-Bibliothek (RUB 18166) vor.
In acht Großkapiteln beschäftigt sich Culler u.a. mit Fragen wie Was ist Theorie? und Was ist Literatur und ist sie wichtig? Aber auch typische linguistische (Sprache, Bedeutung und Interpretation) und sprechakttheoretische Themen (Perfomative Sprache) werden problematisiert. In manchen Bereichen läßt sich eine gewisse Vorliebe für französische Theoretiker erkennen, und so sind Cullers bevorzugte Autoren u.a. Barthes, Derrida, Foucault und Saussure.
Die Einführung in die Literaturtheorie entstand unmittelbar aus Erfahrungen des akademischen Unterrichts heraus und ist anschaulich und beispielreich gehalten. - Wie ein Kapitel wie "Foucault über Sex" letztlich zu bewerten ist, ob rein informativ oder verkaufstechnisch vorteilhaft, bleibt dem kritischen Leser selbst überlassen.
Zusammen mit literaturwissenschaftlichen Themen werden auch kulturwissenschaftliche Fragestellungen berücksichtigt (Kap. 3: Literatur und Kulturwissenschaft). Allerdings ist die Übersetzung von „Cultural Studies" mit „Kulturwissenschaft" nicht immer glücklich, denn in dem Unterkapitel Die Entstehung der Kulturwissenschaft wird weniger die Genese der Kulturwissenschaft, sondern vielmehr die Entstehung der "Cultural Studies" in Großbritannien nachgezeichnet.
Im allgemeinen werden v.a. die „neuesten" literaturtheoretischen Strömungen berücksichtigt, doch werden in einem Anhang - auf jeweils ein oder zwei Seiten - konzis "Theoretische Schulen und Strömungen", angefangen vom Russischen Formalismus bis hin zur Queer Theory, vorgestellt. Hier gilt wie auch für andere Bücher Cullers:
„Trotz des Vorwurfs, daß Cullers Darstellungen häufig zu stark vereinfachen, um die Radikalität europäischer Ansätze für den amerikanischen Markt hoffähig zu machen, liegt seine Stärke doch gerade in der klaren Darstellung komplexer Theorien" (A. Müller-Muth).
Cullers Buch ist - von bestimmten Präferenzen des Autors abgesehen - eine ansprechende Darstellung eines immer komplexer werdenden Bereichs der Literaturwissenschaft, die nicht weniger, aber auch nicht mehr sein will als eine kurze Einführung in die gegenwärtige Literaturtheorie.