2006 wurde bekannt, dass Günter Grass kurze Zeit in der Waffen-SS gedient hatte. Damit entsprach Grass nicht dem Intellektuellenbild, das er selbst mit geschaffen hat. Geschadet hat es ihm dennoch nicht. An diesem Widerspruch setzt der Autor, Germanist und konservativer Publizist, an und schreitet bundesdeutsche Nachkriegsliteratur ab. Kundig und teils erfrischend polemisch. Er widmet sich in erster Linie "Klassikern" westdeutscher Nachkriegsliteratur und Vergangenheitsbewältigung, streift am Ende auch aktuelle Autoren wie Uwe Tellkamp oder Julia Franck.
Der Autor schildert, wie die junge Gruppe '47 Deutungshoheit über Literatur gewann. Dies verdrängte ältere Autoren aus dem öffentlichen Bewusstsein, die manchmal Ehrlicheres und Unbequemeres boten. Aber denen zunehmend der ideologische Unterbau fehlte. Den hatte etwa "Notlösung" Heinrich Böll. Wie sehr diese Ideologie verkrustete wurde mir gerade beim Kapitel über Böll bewusst: seine Erzählungen haben mich als Jungendlichen gelangweilt; heute nehme ich ihn als Romanautor gar nicht mehr wahr, nur noch als Namensgeber einer Stiftung. Andere Kapitel bieten Anlass, fast vergessene Autoren wie Gerd Gaiser und Ernst von Salomon (wieder) zu entdecken.
Im Gegensatz zu ähnlich bibliophilen Bändchen konservativer Autoren wie Hinz'
Zurüstung zum Bürgerkrieg oder Jörg Schönbohms
Politische Korrektheit: Das Schlachtfeld der Tugendwächterist dieses Büchlein vergleichsweise fachspezifisch. Der subjektive Essay des Autors überschreitet zuweilen die Grenze zum germanistischen Aufsatz. Der Inhalt des Büchleins würde dann eher in eine Fachzeitschrift passen.