Um es gleich zu Beginn auf den Punkt zu bringen: Es gibt keine bessere Einführung in das Thema Literaturtheorie als Terry Eagletons "Literary Theory". Die erstmals 1983 erschienene Darstellung analysiert nach einer allgemeinen Einführung die Ansätze der "Phenemonology, Hermeneutics and Reception Theory" (Kapitel 2), "Structuralism" (Kapitel 3), "Post-Structuralism" (Kapitel 4) sowie der "Psychoanalysis" (Kapitel 5). Schließlich äußert sich Eagleton im Abschnitt "Political Criticism" zu seiner marxistischen Überzeugung, dass jede Kultur- und Literaturkritik unweigerlich von der dominierenden Ideologie abhängig ist. Unpolitische Literaturkritik sei daher überhaupt nicht möglich. Im Nachwort der 1996 erschienenen 2. Auflage gibt Eagleton einen kurzen Überblick über die weitere Entwicklung in den achtziger und neunziger Jahren und konzentriert sich besonders auf das Phänomen der Postmoderne.
In seiner kurzen und brillanten Einführung "What is Literature?" beantwortet der Autor die Frage, wie dieser Begriff zu definieren sei. Seiner Ansicht nach gibt es keine bestimmten Merkmale, die einen Text als Literatur klassifizieren. Vielmehr bestimme jede Gesellschaft und jedes Individuum selbst, was es als Literatur betrachtet, so dass der Begriff von jeder Generation neu rekonstruiert werde: "In this sense, one can think of literature less as some inherent quality or set of qualities displayed by certain kinds of writing all the way from Beuwulf to Virginia Woolf, than as a number of ways in which people relate themselvses to writing. [...] All literary works, in other words, are 'rewritten', if only unconsciously, by the societies which read them" (8+11). Dieser Prozess des 'rewritting' von Texten wird nach Eagleton von der dominierenden Ideologie maßgeblich mitbestimmt: "The largely concealed structure of values which informs and underlies our factual statements is part of what is meant by 'ideology'. By 'ideology' I mean, roughly, the ways in which what we say and believe connects with the power-structure and power-relations of the society we live in" (13). Literatur ist also nur ein Teil eines kulturellen Gesamtkomplexes, in dem sich unweigerlich Spuren der dominierenden Ideologie finden.
In Kapitel 2 zeichnet Eagleton den Weg von Husserls Phänomenologie über Heideggers Hermeneutik zu Wolfgang Isers Rezeptionsästhetik (Reception Theory) nach. Husserl ging davon aus, dass jedes Objekt und jedes Subjekt eine immer gleiche unveränderliche Essenz habe, eine Art von "'pure' phenomena" (48). Ein Ding zu erfassen "is to grasp what is essential and unchanging about it" (48). Daraus folgt, dass phänomenologische Literaturkritik einen Text als "pure embodiment of the author's consciousness" (51) betrachtet und alles andere (sozio-kulturellen Kontext, den Leser etc.) außen vor lässt.
Husserls Schüler Martin Heidegger lehnte des Essentialismus seines Lehrers ab und definierte als das einzig Ursprüngliche das menschliche Dasein an sich: "Understanding, then, before it is a question of understanding anything in particular, is a dimension of Dasein, the inner dynamic of my constant self-transcendence" (54f.). Das entscheidende Element in Heideggers Philosophie ist sein Verhältnis zur Sprache. Sprache sei nicht nur als Medium zu betrachten, sondern vielmehr als Instrument, welches die Welt des Einzelnen erst erschaffe: "Only where there is language is there 'world'" (55). Ein Text ist daher nicht wie bei Husserl als Verkörperung eines menschlichen Willens zu betrachten: "It is not first of all something we do, but something we must let happen. We must open ourselves passively to the text, submitting ourselves to its mysteriously inexhaustible being" (56). Für Husserl fußt die Bedeutung eines Werkes also in der Intention des Autors, bei Heidegger ist Bedeutung ein sprachliches Produkt unabhängig von der Instanz des Autors.
Wolfgang Isers Ansatz der Rezeptionsästhetik setzt nach dem Autor (Husserl), dem Text (Heidegger) nun den Leser ins Zentrum der Betrachtung: "For literature to happen, the reader is quite as vital as the author" (65). Jeder Text habe sogenannte "gaps", die jeder Leser auf Grund seiner unterschiedlichen kognitiven Voraussetzungen anders interpretiere: "The reader 'concretizes' the literary work" (66). Auch wenn ein Text natürlich gewisse Interpretationen auf Grund seiner Struktur ausschließe, gebe es nicht so etwas wie die eine Wahrheit über einen Text; es gibt immer so viele Interpretationen wie Leser, da jeder Leser unterschiedliche Voraussetzungen und Lebenserfahrungen an den Text herantrage.
Der strukturalistische Ansatz geht auf den Linguisten Ferdinand de Saussure zurück. Für ihn besteht Sprache aus Zeichen. Ein Zeichen wiederum besteht aus zwei Teilen, dem Bezeichnendem (signifier) und dem Bezeichnetem (signified). Das Verhältnis zwischen beiden ist willkürlich und beruht auf Konvention. Jedes Zeichen in einem Sprachsystem erhält seine Bedeutung nur in Abgrenzung zu anderen Zeichen: "'Cat' has meaning not in itself, but because it is not 'cap' or 'cad' or 'bat'." Das bedeutet, dass "meaning is not mysteriously immanent in a sign but is functional, the result of ist difference from other signs" (84). Strukturalistische Literaturkritik analysiert nicht den Inhalt eines Werkes, sondern einzig und allein dessen Struktur. Dazu gehört unter anderem die Analyse der Erzähltechnik sowie die verwendeten stilistischen Mittel. Eine strukturalistische Analyse sieht manchmal aus wie aus einem Mathebuch entnommen. Mit dem Strukturalismus wurde die Literaturkritik verwissenschaftlicht. Ein Text wird als Konstrukt betrachtet, welches mit wissenschaftlichen Mitteln entschlüsselt werden kann. Das Einzige, was bei der Interpretation eines Werkes zählt. ist die Sprache. Autor oder historischer Kontext spielen keine Rolle.
Während es beim Strukturalismus noch so etwas wie die zu identifizierende Struktur und Bedeutung eines Textes gibt, vertritt der Poststrukturalismus die These, dass unsere Sprache so etwas wie eine feste Bedeutung überhaupt nicht zulässt: "Another way of putting what we have just said ist that meaning is not immediately present in the sign. Since the meaning of a sign is a matter of what a sign is not, its meaning is always in some sense absent from it too" (111). Da unsere Sprache also nicht in der Lage ist etwas positiv zu definieren, sondern lediglich ausdrücken kann, was ein Objekt nicht ist, ist es unmöglich, dass es so etwas wie eine feste Bedeutung gibt: "There is a continual flickering, spilling and defusing of meaning - what Derrida called dissemination - which cannot be easily contained with the categories of the text's structure, or within the categories of a conventional critical approach to it" (116). Für poststrukturalisitsche Kritiker wie Derrida oder den späten Roland Barthes sind Texte so voller unterschiedlicher Interpretationsmöglichkeiten, dass es zwischen "criticism" und "creation" keinen Unterschied mehr gebe (vgl. 121). Die bevorzugte Methode der Poststrukturalisten ist die Dekonstruktion: "Deconstruction [...] has grasped the point that the binary approaches with which classical structuralism tends to work represents a way of seeing typical of ideologies" (115). Typische "binary oppositions" sind "high/low, light/dark, Nature/Culture, male/female" (115). Somit betont Eagleton auch den politischen Ansatz der dekonstruktiven Methode: "Derrida is clearly out to do more than develop new techniques of reading: deconstruction is for him an ultimately political practice, an attempt to dismantle the logic by which a particular system of thought, and behind that a whole system of political structures and social institutions maintains its force" (128).
Psychoanalytische Literaturkritik geht auf Sigmund Freud zurück. Nach Freud begehrt jeder Junge seine Mutter, verdrängt dieses Bedürfnis aber ins Unterbewusstsein, da er fürchtet, vom Vater für seine Lust kastriert zu werden. Jacques Lacan verbindet nun Freuds psychoanalytischen Ansatz mit dem Poststrukturalismus: "Lacan [...] regards the unconscious as structured like a language. This is not only because it works by metaphor and metonomy: it is also because, like language itself for the poststructuralists, it is composed less of signs - stable meanings - than of signifiers" (146). Nach Lacan ist unser Unterbewusstsein gefüllt mit "repressed signifiers". Diese unterdrückten "signifier" suchen sich unter anderem durch Träume ihren Weg ins Bewusstsein. Doch auch in Kunst, in Literatur, können sich verdrängte Bedürfnisse manifestieren.
Im abschließenden Kapitel "Political Criticism" verdeutlicht Eagleton nochmals, dass es für ihn so etwas wie unpolitische Literaturkritik nicht geben kann: "Discourses, sign-systems and signifying practices of all kinds, from film and television to fiction and the languages of natural sciences, produce effects, shape forms of consciousness and unconsciousness, which are closely related tot he maintenance or transformation of our existing systems of power" (183). Die dominierende Ideologie manifestiere sich also in sämtlichen Kulturgütern, so dass eine Kritik an diesen auch immer eine Ideologiekritik beinhalte.
Im Nachwort der 2. Auflage beschäftigt sich Eagleton mit dem Begriff der Postmoderne. Auch hier attestiert der Autor eine politisch-ideologische Komponente.
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