Anlässlich des Lisztjahres habe ich mir diese Biografie gekauft, bzw. ich habe mir sie von einem Gutschein bestellt, den ich für ein Klavierspiel bei der Oberbürgermeisterin bekommen habe. Wenn ich es von mir bezahlt hätte, würde ich noch ein bisschen strenger bewerten.
Oliver Hilmes holt hier alle Informationen hervor, auf die andere Biografen (bewusst oder unbewusst) verzichten. Hierbei handelt sich um Informationen, die am typischsten in der BILD-Zeitung stehen würden. Das interessiert mich 2 Wochen lang, wird aber schnell langweilig. Weil es am Ende auch unbedeutend ist. Bedeutend ist, was bleibt, was im Jahr 2011 bleibt, und nicht was vergangen ist.
Wir haben an der Uni nie gelernt, wie man Fälle von Sex bei Musikerbiografien handhaben soll. Hilmes schreibt ausführlich, wann Liszt Sex hatte und mit wem. Insofern ist diese Biografie eine Innovation im Bereich der (sonst eher spießigen) Musikwissenschaft.
Hilmes' Strategie ist es, Liszt auf das Niveau eines Superstars zu heben bzw. zu senken, das ist m.E. Ansichtssache. Auf der ersten Seite betont er, dass Franz Liszt genau wie Madonna und Michal Jackson war. Ich glaube, das Buch dürfte in einem besonders für Frauen geeigneten Schreibstil sein. Affären, Herzklopfen, Applaus.
So einige der Überschriften: "Rache ist süß", "Niedere Weihen und höhere Instinkte", oder:
"SPIONIN IN SPITZENHÖSCHEN" (S.194) [diese Wortwahl findet man bei anderen Musikerbiografien nicht, glaubt mir, ich habe Musikwissenschaft studiert und ich stand oft genug vor den 100 Regalmetern Musikbücher in der SLUB]
Und auf S. 76 kommt es endlich zu leicht konkreteren Informationen:
"In dieser Zeit schliefen sie miteinander ... " usw.usf
Diese Biografie konzentriert sich - wie schon 3x gesagt - auf derartige Dinge. Auch das Verhältnis zu Richard Wagner wird ausführlich dargelegt, auch in Bezug auf Hans von Bülow. Der berühmteste Ehebruch der Musikgeschichte, oder so ähnlich.
Wenn man als Biograf solche Sexgeschichten ausgraben will, dann sollte man erstmal ein paar ARD-Krimis schauen. Am besten wäre es, wenn wir Kondome von Liszt finden würden, bla bla bla......
Ob Oliver Hilmes die Noten kennt...? Ich würde es ihm jedenfalls gönnen. Auf den 400 Seiten gibt es jedenfalls keine Werkanalyse. Damit meine ich nicht die trockenen und nervigen Texte, sondern jene, wie sie sich in CD-Hüllen befinden, geschrieben von virtuosen und leidenschaftlichen Fans.
Die Oratorien werden überhaupt nicht erklärt, auch nicht die Sinfonischen Dichtungen. Die Klavierkonzerte werden nicht mit anderen ihrer Zeit verglichen, nicht einmal auf schlampige Art, sondern gar nicht.
Wenn man zu CHRISTUS, ELISABETH, VIA CRUCIS, 16 Werke für Klavier und Orchester, Ungarischen Rhapsodien, ... wenigstens ein paar 0815- oder zumindest intuitive Werkeinführungen vorfinden würde...!
Für Werk-Kurzinfos ist Wikipedia besser (umfangreicher) oder auch jpc.de, wenn man sich die Werbeslogans zu den jeweiligen CDs durchliest.
Aber stattdessen:
"In dieser Zeit schliefen sie miteinander..." (s.o.)
Ein ausdrückliches Lob an die Bebilderung des Bandes. Die Fotos sind gut gewählt und veranschaulichen die Stationen in seinem Leben auf plausible Art. Notenbeispiele gibt es nicht (außer einmal als Autograph).
Im Literaturverzeichnis fehlen 5 mir bekannte Liszt-Biografen.
Auf Seite 343 wird erwähnt, dass Liszt ein starker Alkoholiker war.
Fazit: Ich habe es nicht bereut, diese Biografie zu lesen. Aber Goldstandard für Leben&Werk-Bücher ist es nicht, vermute ich.