"Die Phantasie hat keinen anderen Ausgangspunkt als sich selbst" (Cees Nooteboom)
Eine Halluzination ist eine Trugwahrnehmung, die ohne reale Ursachen und ohne Mitwirkung der Sinnesorgane zustande kommt. Sie ist nicht eine Illusion, die einer Verklärung der Realität gleichkommt, sie hat für den, der sie hat, eine überaus reale Bedeutung. Sie ist real in dem Moment. So beschreibt Tabucchi (1943-), ein bei Pisa geborener Professor für portugiesische Sprache und Literatur, seine Liebe zu Lissabon, zu Portugal. Seine Liebe ist ein "Lissabonner Requiem. Eine Halluzination". Eine Requiem ist eine lateinische Totenmesse, die beginnend mit "Requiem aeternam dona eis, Domine" für Ewigkeit Erinnerung verheißt
Tabucchi bedient sich literarisch dieser Dimensionen, die für ihn in eine ewige Liebe zu dieser Stadt enden, eine Erinnerung, die ihn mit Toten, beliebigen Personen, Freunden, Nebenbuhlern und der einstigen Geliebten sprechen lässt, imaginär und real Anwesende. Nicht Latein als Sprache, aber eben portugiesisch als Italiener schreibt er, einer Sprache, die ein Ort der Zuneigung und der Reflexion ist, die zeigt, wie sehr der Autor diese Stadt in Herz geschlossen hat. In den neun Episoden, wie das Requiem neun Teile hat (Introitus, Graduale, Tractus / "Absolve domine", Sequenz / "Dies irae", Offertorium, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei, Communio / "Lux aeterna"), werden auch die Menschen Portugals deutlich, lebend oder mit dem Wunsch der Auferstehung.
Dieses Land zeigt der Autor in alle seiner Freundlichkeit, man spürt sein Empfinden, auch im umgekehrten Sinne ins Herz geschlossen zu sein, dass das Land an ihm gefallen gefunden hatte. Wie der Autor selbst sagt, liegt die Feierlichkeit dieses Requiems nicht in einem Orgelton, sondern eher in einer Mundharmonika. Leicht und portabel - mit ihr lässt sich durch die Gassen, die Cafes, Restaurants und über die Friedhöfe ziehen. Und dem Leser begegnet Lissabon in dieser Verliebtheit, die zwischen Traum und Wirklichkeit oszilliert, die das Imaginäre mit Stofflichem belebt, die Gegenwärtiges mit Vergangenem verbindet.
Auch bei Tabucchi, wie kann es einem Toskaner anders gehen als sich der Kunst der Renaissance anzunehmen, findet man eben diese Beziehung: Hieronymus Bosch Triptychon "Die Versuchung des Heiligen Antonius" dient als Verbindung von Lissabon, seinem Freund Tadeus und des Erzählers Vergangenheit. Wenn an anderer Stelle der nächtliche Gesprächspartner als kein anderer als
Fernando Pessoa enttarnt wird, dann lohnt sich auch ein Lesevergnügen mit ihm wie auch das Lesen dieser Liebeserklärung mit einem
Fado, der nichts anderes verdeutlicht, als die Sehnsucht nach Lissabon, die in diesem Buche steckt.