Im Grunde erscheint alles sehr aussichtslos. Eine undurchschaubare, unbarmherzige, an Grausamkeit nicht zu überbietende Verbrecherin, ja, Mörderin ist offensichtlich hinter dem Ich-Erzähler her. Seine Reaktion? Flucht. Gemeinsam mit seinem Sohn verschanzt er sich in einem Haus in der Einöde und tritt mit der Außenwelt nur noch über Internetradio in Kontakt, schwer betrunken und zugekokst wohlgemerkt. Seine Zuhörer? Wir!
Angst, Furcht, Paranoia ' die typischen Glavinic-Themen, spätestens seit 'Die Arbeit der Nacht', finden auch in diesem Roman ihren Platz. Doch im Unterschied zu seinen früheren dunkleren Romanen, schafft es der Autor hier, die Leser im Minutentakt zum Lachen zu bringen. Sehr schnell befindet man sich in einer Atmosphäre, irgendwo zwischen Grauen, Fassungslosigkeit und Lachkrampf, die einen dazu verdonnert, diesen Wahnsinnsroman innerhalb von 24 Stunden fertig zu lesen.
Lisa und ihre Verbrechen lernt der Leser bruchstückhaft, nach und nach kennen, während der Ich-Erzähler schon zu Beginn des Romans über ihre Identität mehr oder weniger Bescheid weiß. Er drückt sich ganz bewusst davor, zusammenhängend über sie zu sprechen, einerseits weil er dieses Thema, bzw ihre Verbrechen 'so unsexy' findet, andererseits aber auch, weil ihm ständig andere, ihn bewegende Themen einfallen, die er seinen Zuhörern in seinem Offenbarungszwang näherbringen muss.
In wilden Assoziationserzählschüben beglückt uns der Ich-Erzähler also grantelnd, schaudernd und fluchend mit dem ganzen Umfang seines Weltbilds. Egal, ob er über Performancekünstlerinnen, Der-Standard-Forum-Poster, Sex, Krieg, Frauenbilder, Haustiere, FPÖ-Politiker, Lochschwager, Drogen, Facebook, Alkoholismus, die Wirklichkeit, selbstgedrehte Pornos, Bobos, Wiener Taxifahrer, Peter Handke oder über Lisas Gräueltaten spricht, man hat als Leser unvermeidlich das Gefühl, man bekäme seine eigene, heutige, reale Lebenswelt an die Stirn gepickt. Besitzt man die nötige Selbstironie, hat man sehr schnell herausgefunden, dass in diesem Roman schlicht und ergreifend die gesammelte Wahrheit über unsere Zeit, über unsere Generation steckt. Uns wird ein Spiegel vorgehalten, ohne uns auch nur in irgendeiner Weise zu belehren. Die Tatsache, dass der Ich-Erzähler schwer paranoid und niemals nüchtern ist, verstärkt diese Gewissheit ebenso wie seine erfrischend unverblümte Sprache. Doch ebenso real, wie dieses Zusammenspiel von Schreckensmeldungen, Banalitäten, Paranoia, Redezwang, Furcht und dem Drang nach freier Meinungsäußerung im Laufe des Romans auf uns wirkt, ebenso irritiert und verstört lässt er uns am Ende zurück. Nach 200 Seiten, in denen wir unsere eigene Lebenswelt wiedererkennen können, werden wir schließlich in einen Abgrund der Fassungslosigkeit gestürzt und müssen spätestens dann staunend zugeben, dass uns Thomas Glavinic wieder einmal einen Roman präsentiert hat, über den wir Leser noch lange Zeit nachdenken werden müssen.
Zusammengefasst ist LISA also ein Roman, der uns Zeitgenossen in Spannung versetzen, erschrecken und gleichzeitig unglaublich amüsieren kann. Für spätere Generationen wird er darüber hinaus jedoch ein hochinteressantes, detailgenaues Abbild der Jahre 2010/2011 liefern, das seinesgleichen sucht.