Aus der Amazon.de-Redaktion
Liquidation ist der Titel nicht nur seines Romans, sondern auch der eines Theaterstücks, das die Hauptfigur, der Verlagslektor Keseriü, aus dem Nachlass seines Freundes B. herausgefischt hat. Das Konzentrationslager Auschwitz hatte B. nicht töten können, sondern war im Gegenteil Stätte seiner Geburt; 1990 aber hatte der Freund unter rätselhaften Umständen Selbstmord ("philosophischen Selbstmord"?) begangen.
In irritierender Art und Weise nun reflektiert das Theaterstück jenes Drama, das sich nach dem Tod seines Verfassers abgespielt hat. Woher hatte B. seine prophetische Gabe? In der Folge macht sich Koseriü auf die Suche nach B.s großem Lebenswerk, das er bei einer jener Frauen vermutet, die im Leben des Autors eine Rolle spielten: "Deshalb musste ich nach dem verschwundenen Roman forschen. Weil er vermutlich all das enthalten hat, was es überhaupt noch zu wissen gibt."
Geschickt spielt Kertész in Liquidation mit den diversen Ebenen seines Plots und lässt gekonnt Roman- und Dramenhandlung ineinander fließen. Gekonnter hat wohl bisher niemand die fiktive Probe auf Wildes Exempel gemacht. --Stefan Kellerer
Kurzbeschreibung
Für den Verlagslektor Keserü wird zehn Jahre nach der Wende das Liquidation betitelte Theaterstück, das er aus dem Nachlaß seines Freundes B. gerettet hat, zum Gegenstand obsessiver Erinnerungsarbeit. B., in Auschwitz geboren, hat sich 1990 überraschend umgebracht, in seinem Stück jedoch gespenstisch genau die Situation vorweggenommen, die die Hinterbliebenen dann in der Realität erleben sollten: Verwirrung, private Zerwürfnisse, Schlammschlachten aller Art. Um so verzweifelter, als hinge der eigene Lebenssinn davon ab, fahndet Keserü nach dem "großen Lebensroman" B.s, den er im Nachlaß zu finden gehofft hatte. Hat ihn Sßra, die Geliebte B.s, oder Judit, seine geschiedene Frau?
Kertesz entfaltet die Handlung meisterlich, mit fast kriminalistischer Spannung und den Registern seiner Ironie. Während die Ereignisse um den mysteriösen Freitod in der Erinnerung des Freundes ablaufen, wird mit der Lebensgeschichte B.s nicht nur die seines Beinahe-Doppelgängers Keserü aufgerollt, sondern vor allem auch die seiner Ex-Frau Judit, die B. einst wegen seiner radikalen Lebensabsage verlassen hat: Mit großer Souveränität knüpft Imre Kertesz in Liquidation an die Thematik seines Kaddisch-Romans an.
Mit Liquidation erweitert Kertesz seine große Roman-Trilogie (Roman eines Schicksallosen, Kaddisch für ein nicht geborenes Kind, Fiasko) zur Tetralogie.
Über den Autor
Nach "Roman eines Schicksallosen" und "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" liegt mit "Fiasko", dem Mittel- und Herzstück, die "Trilogie der Schicksallosigkeit" vollständig vor. 2002 erhielt Imre Kert sz den Nobelpreis für Literatur.