Der Lektor eines ungarischen Verlags sucht den verschollenen Roman des Selbstmörders B. Die Suche nach dem Roman entspringt nicht literarischer Begeisterung, sondern soll eine Frage beantworten: Was kann von einer Persönlichkeit übrig bleiben, wenn sie in den Fängen einer totalitären Diktatur war? Bereits in seinen früheren Romanen stellte Kertesz fest, dass in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern nicht nur eine physische Vernichtung stattfand. Auch ein psychische. Immer wieder scheint sich Kertesz die Frage zu stellen: Kann man mit einer zerstörten Persönlichkeit weiterleben und wenn ja, wie? In Liquidation scheint er darauf eine Antwort zu suchen. Weiterleben, nur weil die biologische Existenz ein Fakt ist? Selbstmord wäre die logische Konsequenz. An anderer Stelle des Buches scheint er die Feststellung zu treffen, dass man sein Leben nicht einfach wegwerfen darf, auch wenn die Menschen Mörder und schlecht sind. Es zeigt sich, dass die persönlichen Handlungsspielräume von Menschen mit Erfahrungen wie Auschwitz und totalitären Diktaturen geringer sind, sofern sie versuchen zu begreifen was geschehen ist. Natürlich trägt „Liquidation" autobiographische Züge von Kertesz. Genau wie der Selbstmörder B., lebte der Nobelpreisträger jahrelang zurückgezogen in einer kleinen Plattenbau-Wohnung und versagte sich die Teilnahme am öffentlichen Leben. Teils aus innerlichem Protest gegen die ungarische Diktatur, teils als Konsequenz aus seiner Erfahrung als früherer KZ-Häftling. Weiterleben, oder die biologische Existenz beenden weil die Seele längst gestorben ist? In einem furiosen Finale bleibt die Beantwortung dieser Frage offen und gibt Stoff für tagelange, eigene Gedankenarbeit. Inhaltlich hochinteressant, strukturell genial und sprachlich ausgezeichnet. Der Nobelpreisträger zeigt sich in Bestform. Manchmal allerdings kann man als Nicht-Betroffener den emotionalen Höhepunkten im Buch nicht ganz folgen und wird misstrauisch. Ein Beispiel: B. wurde im Konzentrationslager geboren. Für ihn resultiert daraus, dass er nie Kinder haben darf. Als seine Frau aber einen solchen Wunsch äußert, kann man die beschriebene Reaktion von B. nur als vollkommen „theatralisch" bezeichnen. Die gesamte Argumentation des Buches leidet darunter erheblich, weil viele Positionen von B. in meinen Augen kindisch wirken. Manchmal hat man sogar das Gefühl, B. ist so etwas wie der ungarische Schlingensief. Das ist schade, denn es reduziert die Glaubwürdigkeit der Thematik, weil alle Register der Emotionalisierung gezogen werden und sich die Frage stellt, ob man nicht auch bei der Bewältigung von Konzentrationslager und kommunistischer Diktatur überziehen kann? Besser ausgedrückt: Auch als Nicht-Betroffener muss man letztlich verstehen können, welche Verhaltensweisen aus den Erfahrungen resultieren. Sonst kommt man zu dem Urteil, dass die Betroffenen nicht mehr nachvollziehbar „abdrehen". Dies wäre zwar auch eine Erkenntnis, aber Kertesz will ja wohlbegründet argumentieren und überzeugen. Trotzdem ein außerordentlich interessantes und lesenswertes Buch.