Formell mag es angemessen erscheinen, ein Buch über die negierenden Kunstströme des 20. Jahrhunderts so zu gestalten, das die Syntax gleichsam zum Balanceakt zwischen Kreation und Negation wird, inhaltlich bleibt so allerdings nur bewegte Luft.
Doch man muss differenzieren: Marcus betrachtet in Lipstick Traces vorwiegend ästhetische Oberflächen: im wesentlichen die von Punk und Dada, das eine als Subkategorie der Rockmusik geächtet, das zweite als ernstzunehmende Kunstrichtung zumindest in der entsprechenden Literatur gewürdigt. Hier wird die Beweisführung dank zahlreicher Abbildungen gekonnt und teilweise überraschend entfaltet (wie viele Jahre in verstaubten Bibliotheken dafür wohl nötig waren). Gleichzeitig gerät die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Inhalten zu einer Anhäufung prosaischer Rock-Kritiker-Allgemeinplätze und offener Pointen, die keine sind. Zwischen den Zeilen der Geschichte steht die größte jemals erzählte Geschichte, zwischen den Zeilen der marcusschen Aufarbeitung jedoch finden sich nur wenige brauchbare Ansätze zur Decodierung des Phänomens Punk. (Das möglicherweise ja auch von den Initiatoren nur als „eigener Beitrag zur Rock'n'Roll- Geschichte" verstanden wurde -siehe „Please Kill Me" von McNeill und McCain- und nicht, wie gern geglaubt, als wütender Aufschrei der Desillusionierten) Marcus begnügt sich mit einer hypothetischen Verklausulierung der Idee anhand willkürlicher, collagenhafter Beispiele ohne das sich dem Leser eröffnet was Punk hätte sein können, wäre er (?) seinen Weg konsequent gegangen und nicht schon beim ersten Schritt stagniert.
Puh, bin ich jetzt zu hart ins Gericht gegangen? Ist vielleicht doch nur alles die Schuld der Übersetzer? Da ich mich hier nur auf die deutsche Fassung beziehe, sei allen Interessierten angeraten sich nach der englischen Fassung umzuschauen, all jenen allerdings, die an Punk vor allem den „Straßen-Aspekt" schätzen, möchte ich von der Lektüre dieses Buches ausdrücklich abraten, ebenso jenen denen Punk als rockistischer Soundtrack zur politischen Einstellung genügt.