Mit dem klassischen Hollywood-Western assoziiert man normalerweise wortkarge Revolverhelden, die schießen, schnarchen, spucken, sich prügelnd im Dreck wälzen und in ihrem maskulinen Überlegenheitsgefühl tapfer gegen die unbarmherzige Wildnis stemmen, wenn sie Jagd auf gesetzlose Renegaten machen und ihren Pferden die Sporen ihrer Stiefel in die Schenkel rammen, um mit einem rasanten Parforceritt durch den aufgewirbelten Staub der Prärie die Verfolgung aufzunehmen, ehe sie schließlich der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Frauen stand dabei immer nur die Rolle zu, dem einsamen Desperado beim tränenreichen Abschied von der Farm wehmütig mit einem schreienden Kind auf dem Arm nachzuwinken oder allenfalls als prächtig ausstaffiertes Freudenmädchen hysterisch kreischend durch einen Saloon zu hetzen, weil zwei treffsichere Scharfschützen in der Stadt wieder einmal mit eiskaltem Blick in den Augen zum Duell schreiten. Doch wer glaubt schon ernsthaft, dass sich ausgerechnet die Coens an Genre-Konventionen halten, in die Mottenkiste greifen und groß angelegte Siedlertreks durch die Gegend rollen lassen, Wagenburgen aufbauen oder gar das peinliche Imponiergehabe berittener John-Wayne-Einheiten reanimieren?
Stattdessen zerlegen sie den Western-Mythos in seine kläglichen Einzelteile und schicken lieber die 14-jährige Mattie Ross ins Rennen, die sich von dem ganzen hartgesottenen Texas-Ranger-Schnickschnack wenig beeindrucken lässt und in ihrer rotznäsigen Entschlossenheit sämtliche Formen des Machismo systematisch desavouiert. In klatschnassen Kleidern müht sich die forsche junge Dame nun auf dem Rücken ihres Pferdes durch einen Fluss die Uferböschung hinauf, weil sie sich zwei egozentrischen Justizbeamten anschließen möchte, die vergeblich versucht haben, den kleinen Quälgeist abzuschütteln, um sich ungestört ins Indianerreservat zu begeben, wo sie einen gewissen Tom Chaney stellen wollen, den Mörder von Matties Vater, die eben deshalb voller Tatendrang ist und unbedingt Vergeltung will. Dazu heuerte sie in Fort Smith den einäugigen Rooster Cogburn an, seines Zeichens Deputy Marshall, der dieses heikle Unterfangen natürlich nicht zum Kindertarif in Angriff nimmt, aber aufgrund seiner starken Neigung das Gesetz sehr frei zu interpretieren, scheinbar genau der richtige Mann für die selbstbewusste Halbwaise ist. Cogburn entpuppt sich jedoch als alternder Westernheld, der allmählich müde vom vielen Töten wird und öfters mal zu tief ins Whiskeyglas schaut. Nach anfänglicher Skepsis macht er sich nun in Begleitung des undurchschaubaren Texas-Rangers LaBoeuf auf die Fährte von Chaney, der sich inzwischen der berüchtigten Bande von Lucky Ned angeschlossen hat. Der eigensinnigen Mattie hinterließ Cogburn lediglich einen Briefumschlag mit einer Fahrkarte für die Heimreise mit dem Zug zu ihrer Mami, weil der Wilde Westen nun mal nichts für kleine Mädchen ist. Doch kann man als Frau diesen beiden dilettierenden Typen in einer so wichtigen Angelegenheit wirklich vertrauen? Natürlich nicht, weswegen Mattie auch vehement darauf besteht, höchstpersönlich bei Chaneys Verfolgung anwesend zu sein, um so sicherzustellen, dass man den verhassten Delinquenten auch wirklich tot oder lebendig nach Fort Smith überführt.
Wenn man den Coen-Brüdern tatsächlich Glauben schenken darf, dann ist die unerschrockene Mattie so etwas wie die erste Emanze Nordamerikas, die eins auf keinen Fall macht, nämlich das, was man(n) ihr sagt. Zumindest wird sie so porträtiert, wenn sie sich mit ihren staunenden Kulleraugen, die unter einem Filzhut zwischen ihren braunen Zöpfen hervorstechen, neugierig durch die brutale Männerwelt tastet, wo sie mit ihrem schlagfertigen Mundwerk raffinierte Makler über den Tisch zieht, die verwesten Leichen strangulierter Übeltäter von hohen Bäumen schneidet oder dabei zusieht, wie Cogburn steckbrieflich gesuchten Verbrechern ein Auge ausschießt oder gar die Finger abschlachtet. Mattie verschafft sich jedoch den nötigen Respekt, was von den Coens allerdings nicht nur ironisch, sondern auch kritisch unter die Lupe genommen wird, weil sie sich das schroffe Verhalten dieser emotional abgestumpften Versager immer mehr zu eigen macht und der unstillbare Rachedurst ihr reines Herz ebenso vergiftet wie später der Biss einer Schlange ihr Blut, nachdem sie den unausweichlichen Sündenfall begangen hat. Wobei die Coens solche umgekehrten Geschlechterbilder auch auf die Männerfiguren reflektieren, wenn sich beispielsweise Cogburn und LaBoeuf aus verletzter Eitelkeit heraus permanent wie zwei alte Jungfrauen anzicken. True Grit ist ein ganz subtiles Spiel mit allen denkbaren Klischees der Wild-West-Romantik, das sich mehr an der Romanvorlage von Charles Portis orientiert als an dem gleichnamigen Film mit John Wayne, aber dennoch den typisch trockenen Coen-Humor besitzt, stets zwischen Tradition und Moderne schwebt und in sehr impressionistische Bilder der kargen Felslandschaften des Choctaw-Reservats eingebettet ist, die einen nüchternen und desillusionierenden Blick auf diese Epoche werfen. Doch spätestens wenn Carter Burwell im Soundtrack den Thriller 'Die Nacht des Jägers' aus dem Jahr 1955 zitiert, wird klar, dass auch die Coen-Brüder letztendlich ihren Hut anerkennend vor den alten Filmen ziehen.