Schätzings gewichtiger Bestseller "Limit" kann den Menschen schon ein paar Tage beschäftigen - aber man sollte bei aller Kritik sachlich bleiben und auf herabsetzende Äußerungen gegenüber einem der großen Autoren unserer Zeit verzichten.
Über 100 Akteure soll sich der geplagte Leser gleich zu Beginn merken - immerhin hilft ein Verzeichnis der handelnden Personen, aber da ist schon häufiges "Nachschlagen" angesagt. Die Story dagegen verläuft - den vielen Personen zum Trotz - recht simpel: Zwei Handlungsstränge - eine Art Fernost-Agententhriller und eine klassische Science-Fiction-Story - werden mit harten Wechseln gegeneinander gesetzt.
Natürlich finden die Handlungen schließlich zusammen.
Bei den Schätzing-typischen, seitenlangen Ausflügen in geschichtliche Hintergründe, über technologische Zusammenhänge bis hin zu Lemmata "aller Art", hätte man sich - so interessant sie oft sein mögen - eine strengere Selektion gewünscht.
Ohne Zweifel muss man Schätzing für plastische Darstellungen der fiktiven Szenerien loben. Schreiben kann Schätzing fantastisch. Aber die Großen der Science Fiction zeichnen vor allem Originalität und Visionen aus. Ein Arthur C. Clark hat bereits 1978, eine Generation vor Schätzing, die Idee eines Weltraumfahrstuhls in einem Roman umgesetzt.
Oft mangelt es etwas an Präzision und Stringenz. "Geschwindigkeit" misst man nun mal nicht in "Metern". Nach "Überwachungskameras" kann bestimmt nicht mehr "schauen", wenn die an anderer Stelle des Buches geschilderte Subminiaturtechnik längst Einzug gehalten hat.
Den Rezensenten haben aber vor allem die ständigen Referenzen und Zitate literarischer Vorlagen gestört, die Einverleibung realer Personen, der Adaption von Ideen anderer - das erinnert irgendwie an diese bemühten Hollywood-Komödien, in welchen alte, bekannte Filmszenen angestrengt "persifliert" werden, weil den Autoren und der Regie ganz offensichtlich selbst nichts einfällt. "Musste" David Bowie wirklich "mitspielen"?
Überhaupt drängt sich der Eindruck auf, Schätzing habe weniger einen Roman als eine Aneinanderreihung von Filmszenen geschrieben. Durch die wortreiche Präzision, die er vor allem den Details von Action-"Einstellungen" gewidmet hat, werden diese aber notgedrungen schwerfällig und eher mühsam lesbar.
Ich würde mir, Frank Schätzing und seinen Anhängern wünschen, dass er sich beim nächsten Buch etwas "weniger" vornimmt - eine flott durchgeschriebene, überzeugende Story mit "lebenden" Hauptdarstellern, wie sie gelegentlich Crichton, dem populären Weltmeister der Spannung, gelang, kann eben durch noch so viel journalistische Hintergrundarbeit nicht ersetzt werden.
Dennoch kann man, wenn man fair ist, bei aller Kritik und allen Verbesserungswünschen - wohlbemerkt: auf hohem Niveau! - nicht leugnen, dass "Limit" immer noch ein faszinierendes, gut recherchiertes und überdurchschnittlich geschriebenes Buch ist, dessen Bilder im Gedächtnis haften bleiben. Ein Limit "Light Edition", das nochmals ein kritisches Lektorat durchlaufen hätte, wäre jedenfalls ein heißer Aspirant auf 5 Sterne.
print-jury 4* A0053 3.1.2012eg