Zugegeben, was ich von Autoren einfordere, die ihre Modelle mit Erkenntnissen der Hirnforschung absichern, ist nicht einfach. Und trotzdem bleibe ich dabei. Wer davon ausgeht, dass unser Verhalten zum grössten Teil vom Unbewussten gesteuert wird, muss diesem Unbewussten auch eine znetrale Rolle zuweisen. Das ist den beiden Autorinnen dieses Rhetorik-Ratgebers zwar besser geglückt als anderen, aber auch sie verlassen das Fundament, auf dem das angebotene Denkmodell steht, allzu oft. Immer wieder treffen wir auf Handlungsaufforderungen, die an das Bewusstsein appellieren. Machen Sie, denken Sie, handeln Sie, spüren Sie, finden Sie, erkennen Sie, integrieren Sie, prüfen Sie, fragen Sie, überlegen Sie… Und dann stossen wir in kaum abgeänderter Form auch wieder auf die Soundsoviel-Schritte-Strategien. Als ob sich das Unbewusste mit gutem Zureden an die sorgsam ausgearbeiteten Pläne der Vernunft halten würde.
Die empfohlenen Lektürehinweise lassen mich vermuten, dass sich die Autorinnen bei der Entwicklung ihres Modells primär auf die klassische Psychologie stützten und den Erkenntnissen der Neurologen eben doch zu wenig Gewicht beimessen. Daher erstaunt es mich wenig, dass sie die Leser daran erinnern, was in den Köpfen von Reptilien und Höhlenmenschen vor sich geht. Aber erstens ist das hoch spekulativ, und zweitens wissen wir über den Menschen im 21. Jahrhundert sehr viel besser Bescheid als über die Urbewohner unseres Planeten. Die ebenfalls zur Lektüre empfohlene Maja Storch hat da den besseren Mittelweg gefunden.
Wieso ich meiner ersten Reaktion nicht nachgab, das Buch mit lediglich zwei Sternen zu beurteilen hat einen einfachen Grund. Die Lektüre sensibilisiert auf verständliche und streckenweise unterhaltsame Weise für Erkenntnisse, die nicht einfach zu schlucken sind. Vom Glauben abzurücken, der Mensch sei ein rationales Wesen, ist ein wichtiger Anfang, um die Zeichensprachen des Unbewussten zu entdecken. Nebst dieser Sensibilisierung werden dem Leser Übungen geboten, die etwas in Bewegung bringe können, falls man die Disziplin zur Durchführung tatsächlich aufbringt. Doch im Gegensatz zu den Autorinnen bin ich nach wie vor der Meinung, die Veränderbarkeit von Persönlichkeitseigenschaften halte sich in engen Grenzen. Ausser man nutze die Zeitfenster starker emotionaler Erschütterungen. Auf keinen Fall würde ich mich zur Behauptung hinreissen lassen, es sei schon seit langem wissenschaftlich erwiesen, dass wir unsere ursprünglichen, automatisierten Verhaltensweisen ausschalten und durch neue ersetzen können, womit sie Autorinnen suggerieren, mit der richtigen Strategie würde man zum Schmied seines Glücks.
Mein Fazit: Wie die Autorinnen richtig bemerken, ist Limbic "in". Aber nur weil etwas "in" ist, heisst dies noch lange nicht, alte Muster würden sich auf einfache Weise neu verknüpfen lassen. In meine Bewertung fliesst der Sympathiebonus für Bücher ein, die Leser in ihrem Glauben an den rationalen Menschen verunsichern. Und weil die konsequente Durchführung der vielen Übungen mit grosser Wahrscheinlichkeit zu besseren Auftritten führt, wäre es unsinnig, Veränderungswillige vom Kauf dieses Buches abzuhalten.