Diese Bilder haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Sie lassen mich nicht mehr los und sind wieder da, wenn die Nachrichten ab und zu so nüchtern und sachlich von Menschenhandel und Billigprostitution melden. Der Film erzählt eindringlich, dass hinter jeder dieser Meldungen ein persönliches Schicksal steht von Sehnsucht nach Wohlstand und Liebe, von Missbrauch durch Gewalt und Ausbeutung.
Eindringlich die Bildsprache, eindringlich die schauspielerische Leistung der jungen Darstellerin - und auch ihres jungen Kollegen, eindringlich die Musik von Rammstein und anderen und eindringlich die verzweifelte Ohmacht der Zuschauer: immer wieder möchte man in den Film hineinspringen und schreien: Nein! So nicht! Nein!
Aber der Film hat noch eine andere Dimension.
Der Regisseur Lukas Moodysson sagt: "Eigentlich sollte es ein Film über die Mildtätigkeit Gottes werden, doch dann nahm die Realität ihren Lauf und er wurde etwas ganz Anderes. Es wurde ein Film über zwei Kinder, Lilja und Volodya, die in einem Land leben, das einst ein Teil der mächtigen Sowjetunion war und das jetzt in Trümmern liegt. Es wurde ein Film über das Verlangen, woanders zu sein, alles zurückzulassen, darüber, allein zurückgelassen zu werden, über reiche Leute, die glauben, daß man alles kaufen kann, über arme Leute, die dazu gezwungen sind, ihren ganzen Besitz zu verkaufen (außer ihrem Herzen), über Dinge, die weit entfernt passieren und über Dinge, die auf der Straße, in der ich lebe, passieren, über Hustensaft und Klebstoff, über Basketball, über Britney Spears, darüber, wie man seinen Namen in eine Sitzbank ritzt, damit alle sehen können, daß man existiert, darüber, wie es ist, wenn man angespuckt wird, über das Aufgeben, über den Tod, über eine Freundschaft, die niemals enden wird, über eine Kerze, die nie verlöschen wird. Und vielleicht auch ein bisschen über die Mildtätigkeit Gottes - trotz der Tatsache, daß Gott ja niemals auf Liljas Gebete antwortet."
Gerade diese letzte Frage, wie doch noch igendwie ein bisschen Mildtätigkeit Gottes im Film erscheint, stellt den Film in ein noch ganz anderes Licht. Sie zeigt, wie sehr die Träume von einer letzten Gerechtigkeit und von Engeln und von Erlösung jenseits dieser brutalen, unmenschlichen, ausbeuterischen Welt des Todes notwendig sind und helfen, mit Leid und Ohmacht umzugehen:
Ja, die Kerze darf nicht erlöschen, sie darf es einfach nicht! Um Liljas willen und ihrer vielen, vielen Kolleginnen (und Kollegen).
P.S. Der Film wird sinnvollerweise auch von der evangelischen Diakonie promoted, die seit mehr als 80 Jahren intensiv und kreativ in diesem Arbeitsfeld tätig ist, um dem Schicksal dieser Mädchen und Frauen aktiv zu begegnen. Lesenswert etwa wirkliche Berichte betroffener Frauen und was konkret getan werden kann (googeln mit den Begriffen prostitution, menschenhandel und diakonie).
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P.P.S. Heute (12.11.2010) lese ich eine sehr schöne Besprechung es Films in dem kleinen, gut gemachten Buch
Wo finden wir die blaue Fee?: Spiritualität im Film. Es wird seine tiefe Spiritualität hervorgehoben, mit dem Hinweis auf den Titel: Lilja lebt in der Tat 4-ever, forever - für ewig. Zitat: "Lilja bleibt, obwohl sie tot ist. Sie bleibt in unserem Gedächtnis, ihr Tod war nicht zeugen- und nicht sinnlos. Und fortan wird das, was wir über Mädchenhandel und Prostitution lesen, von Liljas Gesicht geprägt sein, von ihrem Unglück, ihrer Freude, ihrer immer wieder aufkeimenden Hoffnung ... Wie sie auch nach Wochen der Prostitution noch immer das Vaterunser, vor einem Heiligenbild kniend, spricht." Das ganze Büchlein lohnt für an Filmen tiefer Interessierte (auch wenn an dieser Stelle der Autor nicht richtig hingeschaut hat: es ist ja kein Heiligenbildchen, sondern ein Schutzengelbild, das das Thema des Films noch einmal fokussiert ...).