Man hat mir dieses Buch geschenkt, und einem geschenkten Gaul schaut man ja bekanntlich nicht in Maul. Leider kommt man bei einem Buch nicht umhin hineinzuschauen. Da ich Teil 1 nicht gelesen habe, war ich darauf gefasst, mich nicht sofort in Handlung und Charaktere hinein versetzten zu können. Das änderte sich jedoch, selbst nachdem ich den Inhalt des ersten Teils recherchiert hatte, durch das ganze Buch hindurch nicht. Die magere Handlung bleibt wirr und unlogisch, die Charaktere so flach und emotionslos, dass man meint, Pappkameraden würden durch eine Kulisse geschoben. Ich weiß noch immer nicht, ob ich mir Wittgenstein wie Gandalf, den Grauen oder Dr. Van Helsing vorstellen muss.
Zudem ist Herrn Marzis Schreibstil äußerst gewöhnungsbedürftig! Abgesehen von ständigen Wiederholungen bestimmter Phrasen und seinen Umgang mit Genitiv und Satzzeichen werden immer wieder Sätze zerhexelt, bis aus einer Zeile eine Spalte geworden ist. Wort-Punkt-Absatz-Wort-Punkt-Absatz-... Das kann man ja mal machen, aber es zum Stilmittel zu erheben ist zu viel des Guten! Es stört den Lesefluss ganz enorm und ist bestenfalls eine gute Methode, Platz zu schinden, um das Buch künstlich aufzublasen, damit es teurer verkauft werden kann. Darüber hinaus beginnt das Buch, in der Ich-Form geschrieben, aus der Sicht des Herrn Wittgenstein, der jedoch unerklärlicherweise viel häufiger die Gedanken anderer wiedergibt als seine eigenen. Und die Perspektive ändert sich selbst dann nicht erkennbar, wenn Wittgenstein über weite Passagen gar nicht zugegen ist.
Was das "wahre Feuerwerk an Ideen" angeht, das Herr Hennen auf dem Klappentext verspricht, so sind es leider meist nicht Herrn Marzis Ideen. Vielmehr bedient er sich dreist bei etlichen Schriftstellern - von Kipling über Melville und Dickens bis Stoker und Beckford, um nur einige zu nennen - bis hin zur Übernahme von Namen, Dialogen und Handlungsschnipseln. Ich fand es als Kind lustig, wenn in einem "Gespenster"-Comic Charlton Gable mit Clark Heston kämpfte, aber ich will mich nicht hunderte von Seiten lang fragen müssen, warum ein Charakter in einem Buch, das NICHT "Dracula" von Bram Stoker ist, Arthur Holmwood heißt, zumal mir das selbe Buch dauernd erklärt, es gäbe keine Zufälle! Das ist nicht originell, sondern fantasielos. Und es lässt den Leser vermuten, dass die Teile, die nicht direkt fremden Federn zuzuordnen sind, ebenfalls nicht Herrn Marzis Kreativität entspringen könnten. Falls es das Bestreben des Autors war, seiner Geschichte dadurch mehr Authentizität zu verleihen, so hätte er die tatsächlichen Gegebenheiten, die er einwebt, besser recherchieren sollen. Da wird zum Beispiel schon 1920 der Staat Israel erwähnt, der erst 1948 gegründet wurde, oder das 762 n. Chr. gegründete Bagdad wird über zweitausend Jahre zurück in die Zeit der Pharaonen versetzt. Das mögen Nebensächlichkeiten sein, aber auch bei wesentlicheren Aspekten hat der Autor ziemlich geschludert. Ein Kernthema des Buches sind die sogenannten "Vinshati", vampirartige Untote, die den Protagonisten zu schaffen machen. Zu Anfang wird einige Male inhaltsschwanger, doch ohne weitere Erklärung der Satz "Vetala panscha vinshati!" rezitiert. Dies ist der Hindu-Mythologie entliehen, und es handelt sich dabei um fünfundzwanzig Geschichten eines (Vampir-)Dämons namens Vetala. Wörtlich übersetzt hieße "Vetala panscha vinshati!" also "Vetala fünf zwanzig". Die Bezeichnung für Marzis Dämonen ist also "Zwanzig". Folgerichtig müsste ich hier eine Parallele zur "Wilden Dreizehn" aus "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" vermuten. Wenn sich ein Autor so wenig Mühe gibt, frage ich mich, was er von seinen Lesern hält.
Das führt zu der Frage, für welche Zielgruppe das Buch geschrieben wurde. Für Kinder ist es definitiv zu brutal, für Erwachsene zu unausgegoren. Leser, die "Die Zwerge" etc. mochten (es wird ja auch kräftig gegenseitig gebauchpinselt), die weniger Wert auf Logik und Authentizität legen und Bücher unreflektiert konsumieren, werden sicher ihren Spaß daran haben, aber jeder halbwegs Belesene, der nur etwas an der dünnen Oberfläche kratzt, wird eine Enttäuschung nach der anderen erleben.
Den einen Stern gibt's für die ganz wenigen poetischen Momente in dem Buch, die ich vertrauensvoll tatsächlich dem Autor zuschreibe.