"Lilie und Purpur" ist der bereits 1997 in Originalausgabe erschienene 10. Band des 13-teiligen franzoesischen Nationalepos "Fortune de France". Er ist zugleich der vierte Teil der Memoiren Pierre-Emanuels de Siorac. Der Romantitel spiegelt gegenueber zahlreichen Genre-"Mantel und Degenfilmen" nicht den Antagonismus, sondern die Kooperation zwischen dem franzoesischen Koenig Ludwig XIII und seinen Minister Kardinal Richelieu....
....die beide mit der Aufhebung politischer Sonderrechte der Hugenotten, der Umgestaltung Frankreichs in einen absolutistischen Staat und der Beendigung der habsburgischen Hegemonie in Europa gemeinsame Ziele anstrebten. Da Richelieus, die von Ludwig XIII. sanktionierte Politik, insbesondere durch Buendnisse mit verschiedenen protestantischen Fuerstenhaeusern fuer Empoerung in Adel und katholischer Kirche sorgte, kam es gegen beide zu einigen Verschwoerungen, beim Kardinal sogar zu Attentatsversuchen...
Der historisch und literarisch gehaltvolle Roman beginnt mit einem Buendnis zwischen Frankreich, Savoyen und Venedig, deren Koalitionstruppen die Veltliner Paesse im schweizerischen Graubuenden besetzen, nachdem sie die habsburgerischen Truppen vertrieben haben (1624). Der Leser erfaehrt ausserdem einiges ueber die angebliche Affaere der franzoesischen Koenigin Anna Maria mit George Villiers, dem 1. Herzog von Buckingham und Leitendem Minister des britischen Koenigs Karl I. und das von Mitgliedern des franzoesischen Hochadels, Veteranen der ehemaligen "Heiligen Liga" und "Monsieur" Jean-Baptiste Gaston, Herzog von Anjou, dem Bruder Ludwigs XIII. geschmiedeten Komplottes gegen Richelieu (1626) Die von Villiers vermittelte Hochzeit zwischen Ludwigs Schwester Henrietta Maria de Bourbon und dem britischen Koenig Karl I. aus dem Hause Stewart ist ein weiteres historisches Ereignis, bevor mit dem Eintreffen einer von Villiers gefuehrten Flotte und 5000 Mann zur Unterstuetzung La Rochelles die Belagerung der Festung Re beginnt, in der sich der Protagonist Pierre-Emanuel, Graf von Orbieu und sein Junker mit ihrer Soeldnertruppe aufhalten....
Mit "Lilie und Purpur" ist dem im Jahre 2004 im Alter von 96 Jahren verstorbenen Robert Merle erneut eine mit grosser Akribie recherchierte Fortsetzung seines Epos gelungen, das trotz seiner dichterischen Freiheiten, neben einer fuer historische Romane geradezu vorbildlich Praezision auch eine grosse Detailfreude aufweist. So ist beispielsweise auch der Kapuzinermoench Francois Leclerc du Tremblay ("Père Joseph" oder aufgrund der Farbe seiner Kutte auch "Graue Eminenz genannte) als enger Vertrauter von Kardinal Richelieu (der "Roten Eminenz") mit von der Partie und die auch Aufstellung einer Kompanie koeniglicher Musketiere (1622) findet Erwaehnung.
Der mit 5 Amazonsternen zu bewertende, spannende, Roman macht fuer den interessierten Leser auch die Fortsetzung "Kardinal vor La Rochelle" geradezu zur Pflichtlektuere....