Für diese tolle Entdeckung kann man Ex-Jeremy Day Dirk Darmstaedter und sein feines Hamburger Tapete-Label gar nicht genug loben. Ein bisher selbst in den USA nahezu unbekannter Bursche aus Seattle wird uns mit "Like the season" vorgestellt, und siehe da: Wir haben einen ultracoolen, modernen Singer/Songwriter und Studiofrickler vor uns, der es mit leicht spinnerten Vorbildern wie Mark Everett (eels), Beck oder Damon Gough (Badly Drawn Boy) locker aufnehmen kann. Hinzu kommt eine Prise Prince oder Phoenix, wenn's funky wird.
Ja, Josh Ottum klingt wie ein erträumter Mix dieser Herrschaften, ohne dass man ihm Eigenständigkeit und ein riesiges Ideenpotenzial absprechen kann. Dass diese CD feinstens produziert ist mit knackigen Bässen, flirrenden Gitarren, markanten Piano-Riffs und vor allem wunderbar jazzig-melodischen Bläser-Arrangements, versteht sich da fast von selbst. Und über allem schwebt Joshs charmante, leicht nölige Stimme, die wiederum an Beck oder auch Karl Wallinger (World Party - kennt noch jemand diese fantastische Band?) erinnert.
Mit "It's alright" geht es noch eher unspektakulär los, ehe das verschachtelte "The easy way out" die Richtung dieser Platte vorgibt - dass es nämlich keine Richtung gibt! Immer wieder erlaubt sich Josh Ottum interessante Akkordwechsel und melodische Sprünge, mischt hier Stimmen-Samples mit Piano-Pop, Steely-Dan-Bläsern und Handclaps. Geht nicht gibt's nicht lautet das Motto. "Who left the lights on?" ist das erste Indie-Dancefloor-Monster auf dieser CD, mit Bässen, die ironisch die 80er Jahre zitieren, und fetten Gitarrensoli.
Dass Josh es auch ruhiger angehen lassen kann, beweist das epische sechsminütige "Pipe dreams". In der Tat ein Traumsong: eine dunkle Midtempo-Ballade mit einem genialen, unterschwelligen Groove und wiederum fabelhaften Bläsersätzen. Mit "Freedom..." folgt ein perfekter Popsong mit einem leichten Latin-Touch. "If this mirror could only talk" treibt es am buntesten mit seinen 80s-Referenzen. Wer hier "Van Halen!" ruft, liegt nicht verkehrt - solche Keyboard-Fanfaren und blubbernde Synthie-Bässe hat sich schon lange keiner mehr getraut. Fast schon dreist - und ganz großartig!
Die zweite Hälfte dieses langen, aber zu keiner Sekunde langweiligen Albums ist dann überwiegend sanfter, teilweise fast schon meditativ. "Having You around" und "My book": schöne, sensible Lieder mit akustischen Gitarren, perlendem Klavier, Holzgebläse und Streichern wie auf den hochgelobten Platten von Joshs Kumpel Sufjan Stevens. "Like ourselves": ein leicht schräger Indie-Pop-Song, der wieder so manchen Haken schlägt. "Follow me" begeistert mit einem locker daherschlendernden Bass-Groove, "Heaven the great cocoon" kontrastiert eine traumhafte Lullaby-Melodie völlig überraschend mit harscher E-Gitarre und Boller-Bass. Zum guten Schluss mit "Do You really wanna know?" nochmal putzmunterer Bläser-Soul.
Fazit: Mit "Like the season" hat Josh Ottum ein sensationelles Debüt abgeliefert, das Art-Pop, Folkrock und Jazz auf nie vorhersehbare Weise verquirlt. Eine der Platten des Jahres.