Archives sechstes Album "Lights" muss man tatsächlich an mehreren Tagen zu verschiedenen Zeiten hören, um sich in der passenden Gemütsstimmung zu befinden, welcher die Musik bedarf. Man trifft stilistisch auf eine Mischung von Depeche Mode, Massive Attack, Mogwai und Pink Floyd. Doch ist alles viel, viel melancholischer, und zeitgleich viel, viel poppiger als soeben Genanntes.
Beginnen wir mit "Headlights", einer wunderschönen, ruhigen Liebesballade mit schwerfälligem Beat, welche die trübsinnigen Nachwehen einer frisch gebrochenen Beziehung musikalisch ganz genau nachempfindet. Noch mal so richtig zum verarbeitenden Heulen anregt. Und ganz abrupt abbricht, erstirbt. Wenden wir uns "System", der ersten Singleauskopplung des Albums zu. Nine Inch Nails? Nee, aber eine Menge Frust, schräge Gitarren und ein rapartiger Gesang, verpackt in eine Vielfalt mitreißender, rhythmischer Elektronik.
Aus den formalästhetischen Gegensätzen der beiden Songs lassen sich nun musikalisches Programm und bisheriger Werdegang der 1994 in London gegründeten Band herleiten. Von der ursprünglichen Bandformation sind bis heute nur die Mitglieder Darius Keeler und Danny Griffiths erhalten geblieben. Wie die Sänger der ersten Alben beständigen Wechseln unterlagen, entwickelte sich die musikalische Orientierung der Band von dunkel angehauchtem Trip Hop zu einem progressiven und üppigen Rock, der den verbindenden Spagat zwischen Düsterkeit und Pop versucht. Griffiths zufolge sollte nun nach dem lastig-lebensmüden Album "Noise" von 2004 ein Pop-Album entstehen, welches also nicht ohne Grund den Namen "Lights" trägt.
"Lights" wurde mit den Sängern Dave Penny (Sänger von Birdpen), Pollard Berrier und Maria Q (seit 1999 und dem zweiten Album "Take my heart" bei Archive) in London und Paris aufgenommen. Berrier ist der letzte Bandneuzugang und eigentlich Mitglied der österreichischen Instrumental-Formation Bauchklang. Die zwei männlichen Zwitscherstimmen (es gibt keinen Song, der beide zeitgleich featured) lassen sich ebenfalls in den leicht zu identifizierenden, programmatischen Archive-Kontrast einordnen: Berrier tönt mit kristallklarer, spielerischer Stimme; Penny klingt kräftig, rau und dunkel.
Erst mit ihrem dritten Album "You Look All The Same To Me" von 2002 erlangten Archive die breite Aufmerksamkeit, die sie sich nun verdient hatten. Die Fangemeinden wachsen, vor allem in Polen und Frankreich. Archive schreiben den Soundtrack zu "Michel Vaillant", einem französischen Film; dieser wird im November 2003 veröffentlicht. Und tatsächlich trifft dieses Genre - Soundtrack - die atmosphärisch-opulente Wirkung ihrer Musik sehr gut.
Besonders der Achtzehneinhalb-Minuten-Runner "Lights" baut sich langsam zu einem geballten, pompösen Klangorchester auf, welches den zu kleinen Wohnraum sprengt. Doch damit nicht genug: man glaubt ungern, dass es noch weiter, noch intensiver, unerträglicher werden kann. Aber das tut's. Was Berrier gekonnt mit seinem überlang gezogenen, reinen Gesang in jeder zweiten Verszeile zusätzlich untermauern kann. Ein psychedelischer Trip wird hier langsam und kinematographisch in Gang gesetzt und Berrier malt klagend seine Schmerzbilder. Vergleichbar der Gruseligkeit, des Gepackt-Seins und Nicht-Loslassen-Wollens und -Könnens eines Lynch-Films.
"Sane" wiederum fährt die allbekannte Pop-Schiene und wird schnell zum Ohrwurm, der einen nicht mehr verlässt; gerade aufgrund seiner ungewöhnlich dynamischen Wandelbarkeit, die rotzfrech und drängelnd um die Ecke kommt. Das friedliche "Fold" erinnert stimmtechnisch und musikalisch an die stille Selbstverlorenheit und die üppigen Symphonien von Chris Martin und Coldplay. Der abschließende Track "Taste of Blood" präsentiert sich im klassischen Singer-Songwriter-Kostüm. Die Liebe erklärend gleitet Berriers sanfte Stimme, begleitet von Akustik-Gitarre, sacht dahin und wird von Hammond und Horn natürlich und wie selbstverständlich aufgegriffen, weiter getragen und zu einem räumlichen Erlebnis geweitet. Eindringlich endet das Stück in einem nicht zu beschreibenden Überbegriff von Schwerelosigkeit, der wiederum plötzlich, fast gnatzig, Abbruch getan wird. Aber vielleicht deutet diese Abruptheit auf das "Licht", das Ende der großen Depressionen und Sentimentalitäten. Auf den Pop, der nach Eigenaussage, jetzt gern die Überhand erhalten soll.