Alfred Brendel gestand, ihm trete angesichts der Ligeti-Etüden der kalte Schweiß auf die Stirn. Verständlich, wenn man auch nur einen gewissen Einblick in das gewonnen hat, was hier dem Pianisten abverlangt wird.
Dabei geht es nicht einmal um die Komplikationen der seriellen und postseriellen Klavierwerke eines Boulez oder Stockhausen, um alle die Gespreiztheiten im Umgang mit Tonhöhe, Tondauer, Lautstärke und Anschlagsart. Klar, daß sich die Anforderungen solcher Werke an den Grenzen des Zumutbaren bewegen. Doch dies nimmt der Hörer nicht wirklich wahr, weil das klangliche Ergebnis auch ebenso gut improvisatorisch-aleatorischen Ursprungs sein könnte.
Einem Spieler hingegen, der Ligetis Etüden - gegenüber Stockhausens Klavierstücken verhältnismäßig herkömmlich klingende Kompositionen- darbietet, wird auch ein Gegner der Neuen Musik höchste technische Meisterschaft konzedieren müssen. Den typische Satz: "Das kann mein sechsjähriger Sohn auch!" wird hier niemand zu sprechen wagen.
Man höre doch einmal hin: Diese Moirée-Effekte, bei denen es durch rhythmische Verschiebungen zu einen ganz eigentümlichen Schillern an der klanglichen Oberfläche kommt! Diese ungeheuren Tempi, den Player-Pianos von Nancorrow nachgebildet - aber hier spielt ein leibhaftiger Musiker, ein Mensch mit zwei Händen und zehn Fingern!
Aimard arbeitet neben den technischen Ungeheuerlichkeiten auch die ästhetischen Werte der völlig unsentimentalen und gerade darin kristallinen, oft atemberaubend schönen Stücke heraus. Man höre doch nur Arc-en-ciel...
Die großartigste Etüde ist und bleibt für mich allerdings Automne a Varsovie, diese so abgründige Komposition, die unterhalb der scheinbar ruhigen und langsamen Oberfläche kompliziertest gegeneinander verschobene Zeitverläufe zudeckt und doch zunehmend hervortreten läßt. L'escalier du diable stellt die Kunst Piranesis und Eschers in Klängen dar, und Der Zauberlehrling (deutscher Titel) gewährt uns ganz neue Einblicke in die Seelenlage der entsprechenden Gestalt in Goethes Ballade.
Den eher späten Etüden Ligetis wird mit Musica ricercata ein frühes Klavierwerk gegenübergestellt. Rein formal betrachtet ist es die schrittweise Eroberung der chromatischen Skala. Das erste Stück beginnt mit nur einem Ton (freilich über alle Oktaven des Klaviers ausgebreitet), dem am Ende ein weiterer hinzugefügt wird. Was sich allein mit drei Tönen machen läßt, zeigt die Nummer 2, und so geht es weiter bis zu einem frescobaldischen Schlußstück. Was dazwischen liegt, ist teilweise vom Allerfeinsten, humorvoll pendelnd zwischen Bartók und Kirmesmusik, dabei niemals primitiv, immer voller Schalk im Nacken.
Ligeti war überglücklich, in Pierre-Laurent d e n Interpreten seiner Werke gefunden zu haben, und Aimard darf sich glücklich schätzen, daß ihm einer der bedeutendsten Tonschöpfer des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunders solche Stücke in die Hände gelegt hat. Die CD ist kompositorisch, interpretatorisch, spiel- und aufnahmetechnik sowie im Blick auf das Begleitbuch magistral. Allerhöchste Bewertung, wärmste Empfehlung!