Es gibt Alben, die können Leben retten. Lifted, dieses vierte Studioalbum der losen Musikervereinigung Bright Eyes um den Sänger, Songschreiber und Gitarristen Conor Oberst aus Omaha, Nebraska, ist ein solches. Wo sonst findet man einen Sänger, der so authentisch und inbrünstig von Lebenskrisen und Seelenleiden des von postmoderner Beliebigkeit gezeichneten sinnsuchenden jungen Amerikaners des beginnenden 21. Jahrhunderts singt, aber auch von der großen Liebe säuseln und musikalisch Trost spenden kann wie kein Zweiter, und das beides in einer Intensität und Authentizität, das einem beim Hören wahlweise ein kalter Schauer über den Rücken läuft oder man fast zu Tränen gerührt ist? Es mag einige andere großartige, beseelte Musiker/Songschreiber auf diesem Planeten geben, aber das zuvor Beschriebene trifft nur auf den zum Indie-Dylan gehypten Jüngling aus der Kornkammer der USA zu.
Ich selbst habe seine Musik seit der Doppelveröffentlichung I'm Wide Awake It's Morning/Digital Ash in a Digital Urn mit zunehmender Begeisterung verfolgt, aber erst jetzt begonnen, mich seinen früheren Werken zuzuwenden, und dabei festgestellt, dass Lifted die ohnehin großartigen zuvor genannten Alben sowie das noch etwas vielseitigere Cassadaga in Sachen Wirkung auf den Hörer noch übertrifft; wenn seine Alben sich musikalisch auch auf konstant hohem Niveau bewegen, so sticht Lifted mit seiner noch höheren emtionalen Intensität hervor, erzeugt einerseits durch die teilweise großangelegten, fast orchestralen Arrangements, andererseits aber vor allem durch die große Tiefe der oftmals traurig bis verzweifelt anmutenden Texte und damit einhergehenden, unglaublich packenden Gesangsperformances Obersts.
Schon das alleine zur Gitarre vorgetragene Big Picture fängt diese ganze Stimmung in musikalisch sparsamer, gesanglich dafür umso intensiverer Weise ein, ehe mit Method Acting das erste Mal richtig von der Crew Druck gemacht wird - eine hektische Rock-Nummer mit packendem Refrain. Es folgt False Advertising, eine Selbstreflexion des jungen Künstlers, der sein Künstlertum selbstironisch hinterfragt, um sich letztlich den essentiellen Dingen seines Lebens, seinen Mitmenschen und eben seiner Kunst, in rührender Weise wieder zuzuwenden - eine richtig intensive Angelegenheit im Walzertakt und mit großartiger Orchestrierung, die besonders am Ende des Songs für Gänsehaut sorgt.
Mit You Will folgt dann sozusagen eine Erfrischung, einer dieser typisch-schwungvollen Lovesongs mit Country-Instrumentierung. Textlich ist diese Nummer ebenso charakteristisch, dank dieser ganz speziellen Mischung aus beißender Ironie und dann doch wieder der Hoffnung auf die große Liebe, die Obersts Reflexionen über Liebesbeziehungen oftmals prägt. Textlich eher zynisch und musikalisch düster, mit charakteristischen E-Piano-Akkorden und einem wunderbar erdigen Mid-Tempo-Beat sowie einem packenden Refrain nimmt sich Lover I Don't Have to Love aus, ehe mit Bowl of Oranges eine traumhaft schöne, melancholische Nummer mit flottem Country-Feel erklingt - eines der Highlights der Platte. Danach wartet Oberst als düsterer Prophet auf I Don't Know When but a Day's Gonna Come erinnert musikalisch an die düstersten der ganz frühen Dylan-Protestsongs wie Masters of War; textlich hingegen zeigt sich Oberst subtiler und persönlicher, und außerdem hat er eine instrumentale Coda mit Orchesterbegleitung parat, die in diesem Song überrascht und ihn so auf ein noch höheres Level hebt. Dem Charakter des Albums als emotionaler Berg- und Talfahrt entsprechend folgt mit Nothing Gets Crossed Out eine süßlich-melodische Nummer mit eher versöhnlichen persönlichen Betrachtungen, was vom Folgesong wiederum völlig konterkariert wird: Make War ist einer der bitterbösesten Abgesänge auf eine verflossene Liebe, die man sich vorstellen kann: Our love is dead, but without limits/like the surface of the moon/or the land between here and the mountains - der Auftakt ist Programm; musikalisch geht es hier klar in Richtung American Folk, Country-Fiedel und Slide-Guitar dominieren die Instrumental-Passagen dieser schwungvollen Shuffle-Nummer mit Mitgröhl-Refrain. Mit manisch-depressivem Folk schockiert daraufhin Waste of Paint, typisch früher Oberst, hier geht es gerade textlich ans Eingemachte, musikalisch wird reduktionistisch zur Lagerfeuer-Gitarre vorgetragen. Ganz anders dann From a Balance Beam, eine schwungvolle Folk-Rock-Nummer mit total mitreißender Melodie und vergleichsweise lebhafter Rhythmik - ein guter Kontrapunkt, eher mit Laura Laurent mein persönlicher Lieblingssong erklingt: ein County-Walzer im Midtempo, ein traumhaft schöner, die Grenze zum Kitsch so gerade noch nicht überschreitender Lovesong, mit einer wunderschönen Verbindung aus orchestralen und amerikanisch-folkloristischen Klangelementen. Am Ende singt die ganze Kneipe mit - zum Heulen schön, wirklich. Dass dann als Abschlusssong noch das politisch aufgeladene, wütende Up-Tempo-Countrystück Let's not Shit Ourselves folgt, ist aus meiner Sicht ein einziger kleiner Makel dieses Über-Albums: Überengagiert, vielleicht in Angst, für einen Künstler mit Singer/Songwriter-Anspruch insgesamt zu unpolitisch zu wirken (meine Interpretation), setzt Oberst hier an einer Stelle noch einen nicht schlechten, aber auch nicht unbedingt nötigen 10 Minuten-Song hinten drauf; da wäre aus meiner Sicht nach Laura Laurent besser einfach Schluss gewesen - vielleicht bin ich aber auch zu sehr Romantiker, um diesen unbequemen Albumabschluss zu würdigen, der letztendlich gewählt wurde.
Ansonsten kann man aber nur festhalten, dass Lifted DAS frühe Meisterstück der Bright Eyes bzw. von Conor Oberst ist; sein Niveau hat er später durchaus noch ein- bis zweimal erreicht, aber nie übertroffen. Platten von solcher textlicher Tiefe, Authentizität und gleichzeitig solcher musikalisch-kompositorischer und soundtechnischer Geschlossenheit gibt es nicht allzu häufig. Solche Alben können Leben retten.