Godspeed You! Black Emperor.
Für die einen langweilig und verzichtbar, für die anderen (und das dürfte den Grossteil ausmachen) sowieso nicht bekannt. Zugegeben, auch ich würde die Band nicht kennen, wäre da der Film 28 days later nicht gewesen. Beim ersten Mal "East Hastings" empfand ich zumindest den Mittelteil als gut, den Rest fand ich überflüssig. Beim zweiten, dritten und vierten Mal konnte ich mit den anderen, sphärischen Songteilen immer noch nichts anfangen. Erst etwa beim zehnten Mal begann ich langsam zu verstehen, dass da mehr als nur Melodien waren. Es waren Gedanken, vertonte Gefühle, Hörbücher.
So erging es mir auch mit dieser CD.
Lift yr. skinny fists like antennas to heaven. Storm, Static, Sleep. Schon die Titel liessen mich Grosses vermuten, als ich mir die CD das erste Mal anhörte. Und das wurde bestätigt. Diese Musik ist gross, riesengross. Man kann sie nicht mit einmaligem Hören schlucken. Aber wenn man sie erst einmal geschluckt hat, kriegt man sie nicht mehr so schnell aus dem Magen heraus. Auf dieser CD ist das Musikergespann meiner Meinung nach puren "Gefühlsessenzen" noch ein Stückchen näher als auf den anderen Werken.
Das geht so weit, dass man z.B. bei "Storm" glaubt, eine Gitarre vor Freude schreien zu hören. Na ja, das hört sich vielleicht lächerlich an, aber das ist es, was einem durch den Kopf gehen kann, wenn man den ersten Part hört. Auf die Freude folgt im selben Stück eine elegante, erhabene Ruhe, die sich in einem breit macht. Bis zu dem Moment, in dem die Schlagzeuge wieder einsetzen und schliesslich das Ganze, einer Dampflokomitive gleich, zum Stehen kommt. Sowas ist einfach einzigartig und muss man einfach gehört haben.
"Static" ist das wohl einheitlichste Stück von GY!BE. Hier herrscht die ganze Zeit über vorallem ein Gefühl vor: Mystik. Sie verstärkt sich mehr und mehr und kommt schliesslich nach einer Priesterrede über Gott und die Welt ("When you see the face of God, you will die, and there will be nothing left in you..." Fantastisch. Die Worte spuken mir immer wieder durch den Kopf) zu einem Höhepunkt, wenn die Geigen und Gitarren sich im ständig wiederholenden Motiv ergänzen. Das Stück endet mit unheimlichen, dröhnenden Geräuschen, bei denen man sich alle Fragen, die das Stück aufgeworfen hat, durch den Kopf gehen lässt. Und man kann zu 99,99% Prozent sicher sein, dass es tiefschürfende Fragen sein werden, vielleicht über den Sinn des Lebens, vielleicht über Gott...wer weiss. Einer der der am meisten avantgardistisch angehauchten Teile der CD. Wie schon am Anfang erwähnt, sind es beim ersten Anhören vorallem diese Teile, die langweilen können, was sich aber im Verlauf gut ändern kann.
"Sleep" ist sozusagen die Vertonung von Nostalgie. Ein treffenderes Wort lässt sich kaum finden. Einmal betrübt über vergangene, schöne Zeiten nachdenken - Sleep ist die richtige Wahl. Auch hier konnte ich, wie bei vielen Godspeed-Songs, mit einigen Elementen zunächst überhaupt nichts anfangen, zum Beispiel mit der heulenden Gitarre in der Mitte. Sie ist nach dem fünften Anhören nicht mehr aus dem Stück wegzudenken und sogar zu meinem Liebling geworden.
"Antennas to Heaven", der abschliessende Song, ist der wohl schwächste der CD, aber immer noch höchst interessant. Das Gefühl, das er vermittelt, kann ich dagegen nicht beschreiben, es ist mir unbekannt. Aber wieder macht man sich dabei Gedanken um Gott...und darüber, dass diese Platte ihren Namen redlich verdient hat.
Ein nicht-GY!BE-Hörer wird sich nun vielleicht fragen: wie soll ich mir diese Musik vorstellen? Ganz einfach: ohne mindestens einmal gehört haben geht das nicht. Rein von der Bewegung her mit ihren verschiedenen Teilen sind die Stücke vielleicht am ehesten mit den frühen Pink Floyd (wohlgemerkt ohne überflüssigen Gesang) zu vergleichen ("Echoes"). Aber dennoch: GY!BE sind anders, sind einzigartig, sogar im Post-Rock-Bereich. Statt psychedelische Geräusche und "groovige" Gitarrensoli gibt es hier ganze, sich jeweils über 20 min. erstreckende Einheiten, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Streicher, Bläser, Klavier, Gitarren, alles bildet ein grosses Ganzes, das man erst versteht, wenn man tief hineinsinkt.
Live hüpft übrigens niemand auf der Bühne herum. Sie spielen teils mit geschlossenen Augen (!). Noch ein Pluspunkt für die Band. KAUFEN!