Lift waren zuerst eine Blues/Jazz-Combo in der DDR, die mit teilweise peinlichen Texten eine Reihe von Singles veröffentlichte. Dann kam ihre erste LP heraus, und man glaubte seinen Ohren nicht. Mit dem Bassisten Gerhard Zachar und dem Sänger Henry Pacholski (was für eine Stimme!) waren zwei kreative Köpfe in die Band gekommen, die alles veränderten.
Die erste Lift-Platte glänzte mit berückenden Melodien und interessanten Arrangements - Elektro-Cembalo und Saxophone in "Fällt der erste Reif", Piano-Läufe und ein gehetztes Mellotron in "Und es schuf der Mensch die Erde", Flöte und Chorgesänge in "Jeden Abend", spätmittelalterliches Kammermusikflair in "Du falsche Schöne", und die Platte endet mit einem in Kirchenorgeln und Chören schwelgenden "Abendstunde, stille Stunde". Dazwischen deutet ein neuneinhalbminütiges Werk an, wohin die Fahrt künftig gehen soll: "Ballade vom Stein" ist ein keyboardgetragenes Progrock-Epos vom Feinsten.
(Übrigens: Falls es irgendwo auf dieser CD Gitarren zu hören gibt, dann kann man sie nicht als solche erkennen.)
"Meeresfahrt" erschien kurz danach und ließ die Plattenkäufer mit offenem Maul zurück. Zunächst muß man sich einen eher simplen Stampfer anhören ("Wir fahrn übers Meer"), an dem der republikflüchtende Text noch das Spannendste ist - "Wir fahrn, fahrn, fahrn, wir fahren übers Meer, der Sehnsucht hinterher". Und das haben die Zensoren genehmigt damals? Fanden wohl auch Pacholskis Stimme toll. Folgt die nächste republikflüchtige und gänsehautjagende Hymne: "Nach Süden". Beginnt mit einem Synthesizer-Einsatz, den man gehört haben muß. Am Ende gibts dann das erste wirklich bewegende Synthie-Solo dieser erstaunlichen Platte. "Scherbenglas" danach ist völlig elektronikfrei - nur Henry Pacholski im Soul-Rausch, und dazu ein klassisches Streicherquartett (spielt das mal dem Naidoo vor, der hängt sich glatt auf). Es folgt mit "Tagesreise" einer der heimlichen Klassiker des DDR-Rocks, von Michael Heubach geschrieben und jahrelang von der Horst-Krüger-Band im ganzen Land rauf und runter gespielt - manchmal eine halbe Stunde lang (übrigens mit einer gewissen Tamara Danz im wild röhrenden Background-Chor). Die "Tagesreise" in dieser Lift-Version ist weniger das rockende Monster, mehr die geschmackvoll zelebrierte Version mit Synthie-Gezwitscher, sakraler Orgel und der richtigen Portion Pathos am Ende.
Dann aber kommt es, das Titelstück (damals verwirrte Blicke: eine Viertelstunde Musik? am Stück?). Das Mellotron stimmt auf eine Orgel/Flöte-Einleitung ein, und danach folgt ein Wahnsinn aus Keyboards und Saxophon, für den man kaum Worte findet. Nach neun Minuten entfesselt aufspielender Synthies darf Henry Pacholski dann auch singen - und es geht wieder ums Meer und um Abschied und ums Fortreisen, und Pacholski ist wieder richtig gut. Nochmal Flöten/Keyboard-Duelle, ehe dieses beste Stück Progrock endet, das die DDR je hat auf Platte pressen lassen (die CD mit den von den Funktionären verhinderten Aufnahmen der Stern Combo Meißen ist ähnlich gut).
Nach dem aufwühlenden "Meeresfahrt" kommt noch eine ruhige Ballade namens "Sommernacht", beit der Henry Pacholski seine prima Stimme ein letztes Mal in Szene setzen kann - daß der Text purer Kitsch ist, stört gar nicht. Mann, was kann der Typ singen!
Konnte.
Kurz nach den Aufnahmen für diese LP verunglückten Gerhard Zachar und Henry Pacholski tödlich mit dem Auto.
R. I. P.
Die Band Lift machte weiter (und tut es wohl auch heute noch), aber dieses Niveau sollten sie nie wieder erreichen. Diese CD enthält das Wesentliche aus der kreativen und Progessiven Phase der Gruppe. Bohrend und auf immer unbeantwortet bleibt die Frage im Raum, was die "Meeresfahrt"-Besetzung wohl noch hätte für Musik hervorbringen können...