Jetzt geb ich halt auch meinen Senf zu "Lifeline" ab...
Natürlich habe ich die bisherigen Rezi's gelesen und so hat sich das numal ergeben, dass ich mich auch darauf beziehen werde.
Zuerst mal zum Text:
"So much to see, so much to live for. Questions to answer, places to go. So much to be, so much to care for. Deep down inside I think you know you are free...come back to me." - Auszug aus einem Song von Neals "Prog-Kollegen" Ayreon: Klasse Text, oder? Darauf hat die Welt gewartet...
Hat sich eigentlich schon mal jemand Gedanken über den Sinn von Texten wie "Jump" von Van Halen gemacht? Findet wirklich jemand eine Story wie Queensryches "Operation Mindcrime" unverzichtbar? Ist "I Walk Beside You" von Dream Theater eine lyrische Offenbarung? "Love Me Do" von den Beatles?
Trotzdem find ich alle Stücke klasse...
Hm... wieso ist bei Neal Morse dann der Text immer gleich ein Negativ-Argument? Wieviele Bands gibt es eigentlich, die ihre Hörer zum prügeln, schlagen, saufen und was weiß ich allem auffordern? Wenn kümmerts?
Laßt den Neal singen, was er will...
Aber jetzt zur Musik:
"Lifeline" ist ein klasse Opener für eine neue Neal Morse CD: Das ruhige Intro mit Klavier-Melodie stimmt einen nach dem Motto "Setz Dich hin, mach's Dir bequem, die Reise geht gleich los" auf die CD ein. Und dann kriegt man exakt nach einer Minute ein paar Themen auf die Ohren und weiß, wohin die Reise in der nächsten Stunde geht. Ist doch cool, oder?
Die Melodie des Refrains bleibt hängen und der Gefrickel-Teil nach Refrain ist keine neue Idee, hat aber ein paar überraschende Breaks und ist von der Spannung stimmig. Die Bridge vor dem Schlussrefrain hat auch ne tolle Melodie - und ein bisschen Bombast zum Schluß ist auch dabei. Also alles wie gehabt bei Neal Morse. Die Frage, ob das ein Gütesiegel ist oder "nur noch nervt", muß wohl jeder für sich beantworten. Auf jeden Fall sind in dem Song schon so viele Melodien drin, aus denen andere Bands 4-5 Songs gemacht hätten.
Und: Die Zeile "Jesus is my Lifeline" ist mir immer noch lieber als zum tausendsten Mal "I will love you forever"
"The Way Home" ist dann einfach ein netter Popsong, mehr nicht - aber auch nicht weniger.
"Leviathan" wartet dann wieder mit den Morse-typischen Zutaten auf: Gefrickel, Getrommel, Stilwechsel, laut-leise Passagen. Als Grundidee sicher seit "Close To The Edge" längst bekannt, trotzdem kommen immer mal überraschende Sounds (z.B. Saxofon, Pseudo-Xylofon) um die Ecke - und sowas will ich auch hören. Die ELP-ähnlichen Keboardorgien gegen Ende des Songs sind klasse, aber eine ganze Platte mit dem "Gezappel" könnte ich dann doch nicht hören, deshalb kommt die Ballade danach gerade recht.
"God's Love" ist vielleicht kein zweites "We all need some light", aber einfach nett und mir fiel dabei auf, dass der Kerl wirklich eine tolle Stimme hat (was sonst manchmal untergeht) Es muß nicht unbedingt Weihnachten sein, um den Song zu hören, ein Herbstspaziergang auf einem Hügel mit Blick in die Weite tut's auch (vorausgesetzt: es sind Hügel in der Nähe).
"Children Of The Chosen" ist dann - freiwillig oder unfreiwillig - eine Reminiszenz an Joni Mitchels "Woodstock", oder? Dort lautet der Text zu einer ähnlichen Melodie: "We are stardust we are golden and we've got to get ourselves back to the garden" Ob abgeschaut, oder nicht: Die Melodie tut gut und bleibt hängen. Schöner Song - auch wenn's kein Prog ist.
Der Longtrack des Albums "So Many Roads" ist kein zweites "Stranger In Your Soul", aber so einen Song schreibt man wohl nur einmal im Leben, trotzdem verbergen sich in dem Logtrack vielleicht die beiden Highlights der CD: "Star For A Day" und "The Humdrum Life" sind toller Prog mit fetzigen Riffs, Breaks, wo Breaks hingehören, Dynamikwechseln und den Text um Britney Spears herum find ich auch klasse, auch wenn Neal das Thema des ausgenutzten Musikers schon mal bei "The Great Nothing" verarbeitet hat.
Das Thema von "So Many Roads" ist übrigens auch keine schlechte Melodie geworden...
"Fly High" find dann selbst ich verzichtbar: Als Abschluß der CD viel zu schmalzig und wäre wohl wirklich besser auf einer der Lobpreis-CD's aufgehoben. Ok, da wird dann geskippt zur Bonus-CD.
Und die ist wirklich "nett" geworden: Großteils Coverversionen von ein paar Jungs, die Spaß am Spielen haben.
Tja, das Fazit lautet dann wohl: Es gibt sicher eine Menge Bands, die in ihrer ganzen Karriere nicht so viele gute Melodien hinkriegen, wie man hier auf dieser einen CD findet.
Daß man vom Kollegen Morse halt in den letzten 20 (hoppla, schon so lange) Jahren in Sachen Prog-Sahne-Stückchen extrem verwöhnt worden ist, sollte man ihm nicht gleich zum K.O.-Kriterium machen. Diese für Morsesche Verhältnisse "nur" gute CD ist immer noch astreiner Stoff verglichen mit vielem, was sonst so auf den Markt kommt. Wem die "Snow" von Spock's Beard gefallen hat, der kann hier ruhig mal reinhören.