Irgendwann kommt für jeden eingefleischten Fan einmal der Moment, wo er von seiner absoluten Lieblingsband enttäuscht wird.
Für mich ist JESU die wohl wichtigste Entdeckung der letzten drei Jahre. Unglaublich intensive Klangerlebnisse wie "Silver" , "Heartache" , das aktuelle "Conqueror" sowie das obergeniale Jahrhundert-Meisterwerk "Jesu" haben mir neue Grenzen aufgezeigt. Fernab jeglichen Schubladendenkens hat Mastermind Justin K. Broadrick eine eigene musikalische Welt - irgendwo zwischen Postrock, Ambient, Synthie-Pop, Doom-Metal, und Industrial - erschaffen, die sich aber dennoch mit Worten unmöglich beschreiben lässt. Zur ungefähren Eingruppierung könnte man zwar Bands wie CULT OF LUNA , MOGWAI , TYPE O' NEGATIVE , SIGUR ROS oder aber musikalische Visionäre wie Trent Reznor und Devin Townsend nennen. Und trotzdem klingen JESU irgendwie komplett anders. Man muss es schlicht und einfach selber gehört haben, um es begreifen zu können.
Auf der neuen 4-Track-CD "Lifeline" kann Mr. Broadrick das schwindelerregend hohe Level der Vorgänger leider nicht ganz halten. Vieles kommt einem hier irgendwie bekannt vor...so als würde man die neuen Lieder schon längst kennen. So weist der eröffnende Titeltrack stellenweise starke Parallelen zum bereits bekannten Song "Conqueror" auf. Das anschließende "You wear their masks" klingt wiederum wie eine musikalische Querverbindung aus "Medicine" und "Stanlow", wobei Broadrick sogar ganze Song-Passagen (Melodien bzw. Harmonien) komplett übernommen hat. Dieser Eindruck lässt sich ebenso auf den ruhigen atmosphärischen Rausschmeisser "End of the road" übertragen, dessen Schluss man auch schonmal irgendwo gehört hat. Als einzige richtige Überraschung dieses 23minütigen Silberlings muss man erwähnen, dass die Sängerin JARBOE die Main-Vocals zu "Storm comin' on" beigesteuert hat, und mit ihrer energischen "Tina Turner-meets-Björk"-Stimme dabei eine sehr gute Figur abgibt.
Alles in allem mangelt es "Lifeline" allerdings merklich an Highlights und neuen musikalischen Ideen. Wer die depressiven und metallischen Momente von Songs wie "Walk on water" , "Weightless & horizontal" , "Friends are evil" oder "Ruined" mochte, wird mit dieser Mini-CD wohl weitaus weniger anfangen können. Zumal der Härtegrad von Album zu Album immer weiter heruntergeschraubt wird.
Einige von euch werden sich jetzt sicherlich fragen, warum ich trotz dieser enttäuschenden Kritik, noch 4 Sterne vergebe. Nun ja, weil JESU der musikalischen Konkurrenz immer noch um Lichtjahre voraus sind. Sie schreiben Songs, die unter die Haut gehen...die in wenigen Sekunden für zentimeterdicke Gänsehaut sorgen...die einem auch an trist-trüben Tagen die Seele wärmen...und die (trotz der oben genannten Schwächen in Punkto Songwriting) immer noch das Prädikat "sehr gut" verdient haben. Alle Fans müssen natürlich zugreifen !!!