Die bisher einzige Kollaboration von Mitgliedern (bzw. ehemaligen Mitgliedern) der bedeutendsten englischen Progressive Rock-Bands Genesis und Yes im Rahmen einer neu gegründeten Band nannte sich GTR. Damals, 1986, waren die Gitarristen Steve Hackett (bis 1977 bei Genesis) und Steve Howe (bis 1980 und dann später immer mal wieder bei Yes) daran maßgeblich beteiligt und produzierten zusammen mit drei weiteren Musikern ein Album, das zumindest in den USA mit Position 11 der Billboard-Charts äußerst erfolgreich war. In Deutschland reichte es immerhin zu Platz 39. Selbst heutzutage gewinnt es immer noch neue Freunde.
Und nun also Steve Hackett und Yes-Bassist Chris Squire, die sich in den letzten paar Jahren angefeundet hatten, und deren gemeinsames Album schon seit geraumer Zeit angekündigt war. Squackett ist der ebenso logische wie zutiefst britisch klingende Name ihres Bandprojekts, das sie gemeinsam mit dem Keyboarder und langjährigen Hackett-Getreuen Roger King aufnahmen, der A LIFE WITHIN A DAY auch produzierte.
Und was hat der gespannte Hörer zu erwarten? Nun ja, kurz gesagt: eine Scheibe, deren Eingängigkeit und Abwechslungsreichtum nicht nur zu erstaunen, sondern auch zu beeindrucken wissen. Dies ist keine mal eben so dahin geschluderte Produktion zweier alternder Proglegenden, sondern ein sorgfältig konzipiertes Werk, dem man in jeder Sekunde den Spaß anmerkt, den alle Beteiligten daran gehabt zu haben scheinen.
Der Titeltrack und Opener "A Life Within A Day" wird den Erwartungen, die so mancher gehabt haben mag, wohl am ehesten gerecht. Es ist ein wilder, aber souveräner Ritt durch verschiedenste Stilrichtungen, dessen Grundlage aber ganz offensichtlich die gemeinsame Bewunderung für den Led Zeppelin-Klassiker "Kashmir" ist. Zwischendurch versteigt man sich - zum Glück nur kurzfristig - in tonale Schrägheiten, welche auch auf den Hackett-Platten und -Tourneen der letzten Jahre immer mal wieder zu stören beliebten. Was will er sich und uns eigentlich damit beweisen? Dass er auch Jazzrock kann? Wir wissen es doch längst, Steve! ;-)
"Tall Ships" beginnt mit Hacketts ultratypisch perlender (ja, perlender!) Akustikgitarre und besticht dann durch eine fast schon 'funky' zu nennende Bass- und Gitarrenarbeit, ehe sich alles in einem wunderbar sphärischen Refrain auflöst. Der gemeinsame Gesang von Hackett und Squire ist hier, wie auch in anderen Songs, wirklich exzeptionell.
"Divided Self" kommt als ein total ins Ohr gehender, absolut radiotauglicher AOR-Titel daher. Ein Quentchen Queen ist auch dabei. Hacketts einminütiges Solo in der Songmitte lediglich als zauberhaft zu bezeichnen, würde ihm nicht gerecht werden. Ich könnte es glatt fünf- oder auch zehn Mal hintereinander hören. Genial!
Das sanft orchestrale Intro von "Aliens" samt feinen Pianotönen erinnert mich an die unvergessene Symphonic Prog-Gruppe Renaissance. In diesem Squire-Titel geht es um das beliebte Thema 'Zeitreisen' und darum, dass die Außerirdischen, die uns eines Tages besuchen werden, eigentlich Menschen vom Planeten Erde sind. Mehr 'proggy' kann wohl kaum ein Songtext sein. Wer den Refrain 'Aliens are only us / are only us from the future' zwei- oder drei Mal mitgesungen hat, wird ihn nie mehr im Leben vergessen. Instrumental und atmosphärisch orientiert sich diese Nummer in ihrem Fortgang ein wenig an der epischen Rutherford-Ballade "Your Own Special Way" vom Genesis-Album WIND & WUTHERING, dürfte aber auch Anhänger der späteren Yes und von Barclay James Harvest entzücken.
"Sea Of Smiles" hat eine melancholische Grundstimmung, der Refrain ist dann aber purer Pop. In einer gekürzten Version wurde dieser Titel, der gut auf ein Camel-Album aus den 80ern gepasst hätte, sogar als Single ausgekoppelt.
Ein akustischer Anfang sowie magische Harmony-Vocals zeichnen den - mit drei Minuten leider viel zu kurzen - Geniestreich "The Summer Backwards" aus. Hackett und Squire wollten auf ihrem Album ein bisschen wie Crosby, Stills, Nash & Young singen. Hier klingt der Refrain aber eher wie die von Brian Wilson in seinen besten Tagen arrangierten Beach Boys. Dieses Stück hat etwas wunderbar sommerliches und zugleich feierliches. Gänsehaut!
Hacketts "Stormchaser" schließt noch am ehesten an das komplexe Titelstück an. Es wechselt zwischen straightem Rock mit gewaltigem, fast John Bonham-mäßigen Drumsound und einem choralen Refrain. Gelegentlich klingen Roger Kings Keyboards hier ein wenig 'spooky'. Die Nummer wurde von Steve Hackett & Band zumindest seit 2009 auch schon live präsentiert.
Wenn das Album hier zu Ende wäre, wäre es zwar sehr kurz, aber eine Fünf-Sterne-Bewertung trotzdem allemal wert. Und dann kommt "Can't Stop The Rain". Was bei diesem flachen Nümmerlein, das klingt, als sei es für den Score eines Rockmusicals geschrieben worden, in die Band gefahren ist, erschließt sich wohl nur den Mitgliedern selbst. Und dass man im Refrain zu allem Unglück auch noch eine sangesfreudige Dame namens Amanda Lehmann zum Einsatz brachte, macht das Ganze nur noch schlimmer. Chris Squire hatte schon 2011 mit "The Man You Always Wanted Me To Be" auf dem ansonsten großartigen Yes-Album FLY FROM HERE einen fatalen Hang zu seifiger Seichtigkeit an den Tag gelegt. Der Instrumentalteil, besonders gegen Ende des Titels, entwickelt nach mehrmaligem Hören allerdings durchaus seinen Reiz und erinnert mich zum Beispiel an Steely Dan.
"Perfect Love Song" bildet dann den hübschen, aber letztlich etwas belanglosen Abschluss. Die Stimmung ist schwelgerisch leicht, während das Hackett-Solo ausnahmsweise ein bisschen zu klischeehaft rockt.
Alles in Allem scheint mir dies musikalisch mehr ein Hackett- als ein Squire-Album zu sein. Man könnte auch sagen, dass es ein Hackett/King-Album mit sinnvoller Unterstützung von Chris Squire ist. Daher sind hier auch viel mehr Genesis- als Yes-Referenzen herauszuhören. Hacketts Gitarrenkünste durchscheinen jedes Stück mit all ihrer Glorie - mal auffällig im Vordergrund, dann wieder eher unauffällig im Hintergrund.
A LIFE WITHIN A DAY ist kein Prog-Album im strengeren Sinne, denn da sind auch AOR, Melodic Rock und sogar Pop im Spiel. Nach langer Zeit ist dies endlich mal wieder eine Scheibe, die ich fast immer hören mag, und die auch in ein paar Jahren noch für ungetrübte Hörfreude sorgen wird. Daher habe ich mich nach reiflicher Überlegung auch für die Höchstwertung entschieden.
Wie sagt Steve Hackett in der aktuellen Ausgabe der englischen Zeitschrift 'Prog' doch so schön zwischen Augenzwinkern und echter Überzeugung: 'Let's give Squackett mania a chance to have its day!'.
PS: Dadurch, dass Hackett und Squire auf einmal wieder im Gespräch sind, habe ich nach langer Pause das Album von GTR wieder einmal gehört, und - was noch viel schöner ist - ganze 37 Jahre nach dessen Erscheinen endlich Chris Squires fantastisches Soloalbum FISH OUT OF WATER für mich entdeckt. Also auch dafür: Danke, Squackett!!