Schon wieder ein neues Bob-Mould-Album; dabei ist das Letzte erst 14 Monate her, und so richtig Hunger auf einen Nachfolger machte "District Line" ja nicht gerade mit seinen halbherzigen Songs, irgendwie lahmer Produktion und dem im Vergleich zu "Body Of Song" (2005) deutlich hochgefahrenen Computer-Anteil. Man GÖNNT Bob Mould diese Horizonterweiterung vom Gitarre dreschenden Punkrock-Pferd zum Elektro-Lurch ja eher, als daß man ständig damit KONFRONTIERT werden möchte, und man kommt sich so grässlich im Gestern hängengeblieben vor dabei...Apropos: Hüsker Düs "Zen Arcade" wird im September satte 25 Jahre alt, und Bob Mould lebt, wie's heißt, seit einiger Zeit in größerem Frieden mit sich selbst als damals. Auch das ist ihm unbedingt zu gönnen. Daß er seine Homosexualität in die Arme geschlossen hat, gesund lebt und sich einen silbernen Bart wachsen lässt. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist, einen gewissen Intensitätsverlust in Bob Moulds Musik hinnehmen zu müssen. Damit verifiziert er, wie so viele andere vor und nach ihm, eines unserer Lieblingsklischees, nämlich dass der Künstler zu leiden hat, wenn seine Kunst uns berühren soll.
Jetzt also "Life And Times": Langweiliger Titel und ein typisches Bob-Mould-Cover, dessen monochrome Flächen Verwitterung und Beständigkeit thematisieren, also ungefähr alles, was einem zuletzt zu Bob Mould noch einfiel. Aber die Musik ist gut, erstaunlich gut sogar, vielleicht die Beste, die er seit "Copper Blue" gemacht hat. Und das liegt, verdammt noch mal, maßgeblich daran, dass dies eine Gitarrenplatte ist! Mit dem ganzen Geflirre und Gepiepse da, wo wir es haben wollen: Im Hintergrund (Endlich spricht's einer aus)! Und von dort aus bringt es immer wieder einerseits Dichte, andererseits luftige Schattierungen (Streicher-Samples bei "Bad Blood Better"!) in die Arrangements - "geschmackvoll eingesetzt" nennt man das wohl. Nur beim stolz verschleppten "Lifetime", einem Höhepunkt des Albums, schieben sich zwischen die Silben des Gesangs flangige Singlenotes, die sich anhören wie Simon Gallup beim Versuch, das "Twin Peaks Theme" zu dengeln. "Spiraling Down" und "MM 17" klingen dagegen fast wie Sugar (Die Vocals versuppen sogar wieder ein bisschen im Wall of Sound.), und bei "Argos" blitzt am Anfang einen Wimpernschlag lang "Makes No Sense At All" zwischen den Akkorden hervor. Man erwartet von Bob Mould ja nicht, dass er sein Songwriting umkrempelt, und das braucht er auch nicht, denn er kriegt einen am Ende ja doch, auch wenn (oder weil) man Progressionen wie in "I'm Sorry, Baby, But You Can't Stand In My Light Anymore", der Single, schon oft von ihm gehört hat...und da wir gerade beim Thema "Schluß machen" sind: Bob Mould singt immer noch zum Großen Anderen da draußen, von dem man früher insgeheim hoffte, es würde sich um Grant Hart handeln, aber der war's wahrscheinlich genau so wenig, wie's heutzutage Brendan Canty ist. Unbeirrte Momentaufnahmen des Daseins kurz vor oder kurz nach einer Trennung, Beziehungsabbrüche als Lebensstil, Nähe und Distanz - Bob Mould leidet, kämpft, fällt, steht wieder auf und geht weiter; immer noch und immer wieder, auch wenn das Leben insgesamt schöner geworden sein mag. Man kann sich auf ihn verlassen, und man sollte wieder mit ihm rechnen. Die nächste Platte könnte ein Meisterwerk sein.