Welch ein Roman! Welch brillanter, nie dagewesener Einfallsreichtum! Hat man schon jemals eine derartig gewagte und geglückte Kombination so völlig divergenter Motive gesehen? Welch eine furiose Verquickung bizarrster Ereignisse und extremster Situationen! Im täglichen, brutalen Überlebenskampf eines schiffbrüchigen indischen Jungen erlebt jede Form von Philosophie und Glauben ihren absoluten Härtetest - in der ständigen Konfrontation mit der darwinistischen, auf die primären Grundbedürfnisse reduzierten Natur in Form eines ausgewachsenen bengalischen Königstigers. Aber halt! Ich spare mir lieber eine Darstellung des Inhalts - jede Zusammenfassung von "Life of Pi" in dürren Sätzen wirkt völlig unglaubwürdig, sogar abgedreht bis völlig gaga - der deutsche Titel, "Schiffbruch mit Tiger", ist eh die beste Zusammenfassung ;-)
Yann Martel ist ein Meister des geschliffenen Worts, des essayistischen Stils, und der junge Pi ist zu jeder Zeit ein überzeugender, fesselnder Erzähler. Wo es etwas hapert, ist bei der Sprache des Alltags. Martels Dialoge wirken hölzern und gestelzt (z.B. Unterhaltungen zwischen Pis Eltern). Er scheint sich seiner Schwäche bewusst zu sein, deshalb gibt es so gut wie keine lebensnahen Allerweltsdialoge in "Life of Pi". In manchen Situationen setzt Martell auch ganz bewusst seine gestelzten direkten Reden ein; am Genialsten, als Pi in blumenreicher, emotionaler Rede Richard Parker nach dem Schiffbruch Mut macht, damit sich dieser weiter durch das Wasser kämpft, um das Rettungsboot zu erreichen - und erst als Richard Parker an Bord ist, fällt es dem Leser wie Schuppen von den Augen, wen Pi sich hier mit Engelszungen aufs eigene Boot geholt hat!
Martel gelingt der so gewagte Balanceakt zwischen harter Realität und der Möglichkeit eines Raums der Phantasie, der eine Halluzination des Hungerdeliriums sein könnte, aber auch im Nebel des Nicht-Realen schweben kann - man weiß es nicht, und das ist eben das Geniale an der Geschichte: Begegnet Pi auf seiner Reise wirklich einem ebenso blinden Schiffbrüchigen, oder ist das eine Hungerphantasie oder einfach nur ein Traum? Wir wissen es nicht, aber wir lernen: Für eine ultimative Wahrheit ist auf Pis Boot kein Platz.
Muss man gelesen haben. 5 Sterne.
PS: Das ungekürzte englische Hörbuch ist eine Ohrenweide, beeindruckend vorgelesen von Jeff Woodman. Unbedingte Kaufempfehlung!
PPS: Wer was ähnlich Ausgefallenes, aber genauso Mitreißendes wie "Life of Pi" lesen möchte, dem sei "Water Music" von T.C. Boyle empfohlen.