Eigentlich wollte ich auf den Schwachsinn, den einige Schnellleser zu "Life" von sich gaben, gar nicht eingehen. Aber wer behauptet, Keith Richards schreibe nichts über die Musik und ihre Hintergründe, erwartete wohl einen Gitarrenkurs in Prosaform oder eine musikwissenschaftliche Abhandlung. Oder hatte nie ein Instrument in der Hand. Mehr über das Schreiben von Songs, Finden eines Stils und Verarbeiten verschiedenster Einflüsse steht wohl in keinem anderen Buch, das ein Rock'n Roll-Gitarrist verfasste. Und gerade weil aus all diesen Stellen hervor geht, dass sich Keith nicht in Tätigkeiten verirrt, von denen er nichts versteht und für die ihm das Talent fehlt, ist es nur logisch, dass er seine Biographie nicht allein verfasste. Mich hätte er jedenfalls schwer enttäuscht, wenn er seinen Fans über 700 Seiten holprige Zeilen ohne Zug und sprachliche Komposition zugemutet hätte. Und sein Freund James Fox ist ja nicht irgendein Schreiberling, dem er mit diesem Auftrag eine Freude machen kann. Der ehemalige Journalist der Sunday Times versteht sein Handwerk ebenso wie Keith Richards das seine.
Erinnerungen sind Erfindungen, heißt es schon im ersten Kapitel. Daher gab Altmeister Goethe seinen Lebenserinnerungen auch den Titel "Dichtung und Wahrheit". Den Anspruch zu erheben, man erfahre nun alles, was Keith, sein Leben und seine Musik geprägt habe, ist ziemlich naiv. Aber da Drogen dazu gehören, kommt Keith eben oft auf die heimtückischen Gifte zu sprechen. Nicht um sich damit als verwegener Junkie aufzuplustern, sondern einfach weil Drogen jahrzehntelang sein Leben mitbestimmten, im Guten und im Schlechten. Kritiker, die den Stones vorwerfen, sie seien zu alt für die Bühne, sollten Seite 720 aufschlagen. Dort schreibt Keith: "Immer diese Nörgelei, dass wir alte Männer sind. Tatsache ist doch, und das habe ich immer gesagt: Wenn wir schwarz wären und Count Basie oder Duke Ellington hießen, würde uns jeder anfeuern, yeah, yeah, yeah. Für weisse Rock'n Roller in unserem Alter ist so was anscheinend nicht vorgesehen." Ob die Kritiker selber ein Problem mit dem Alter haben?
"Wenn man eine Idee hat, dann muss man sie fliegen lassen." Das ist nur einer von vielen Sätzen, mit denen Keith seinen Lesern vermitteln will, wie Songs entstehen. Manchmal sind sie einfach da. Diese Einsicht hat Richards auch vor dem Abheben bewahrt. Und was passiert, wenn man der eigenen Leistung zu viel Gewicht beimisst, beschreibt Keith auch, wenn er über sein schwieriges Verhältnis zu Mick Jagger spricht. Natürlich konnte er sich vorstellen, dass sich die Medien auf einzelne Sätze stürzen. Aber da er immer wieder die Erfahrung machte, dass ohnehin verbreitet wird, was die Auflagen steigen lässt, kümmert er sich herzlich wenig um selektive Wahrnehmungen und bewusste Verdrehungen. Aber wer genau und ohne Sensationslust liest, kann viel über die Unterschiede von Freunden und Brüdern, Treue und Verrat, Liebe und Sex oder Bewunderer und Schleimer erfahren.
Persönliches preiszugeben heißt für mich nicht, in die Niederungen sattsam bekannter Homestories hinunterzusteigen, sondern Schwächen nicht zu beschönigen und sich damit der Kritik der Öffentlichkeit auszusetzen. Mich interessiert es so wenig wie Keith Richards, wer wann wie mit wem ins Bett oder aufs Klo geht. Persönlich wird ein Buch, wenn es mir eine Ahnung von den Gefühlswelten seines Autors vermittelt, wenn es um Leben und Tod, um Ängste, Zweifel und um den Verkauf der eigenen Seele geht. Während viele Biographien den Charakter eines zu langen Pressetextes haben, lässt Keith Richards die Leser an vielen Stationen seines bewegten Lebens teilhaben. Und da die Stones ein Zeitalter mitprägten, ist diese Biographie auch ein Stück Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. Wer von Unterhaltungsliteratur spricht, nur weil James Fox die Erlebnisse, Ansichten und Gefühle von Keith Richards auf unterhaltsame Weise weitergeben kann, hat wohl einfach größere Freude an Faktenhuberei als ich.
Wenn andere Leser die Biographie von Keith Richards authentisch finden, dann täuscht dies wahrscheinlich nicht. Denn jedenfalls begegnete ich in seinem Buch dem Menschen wieder, den ich in den 1980er-Jahren persönlich kennenlernen durfte, weil ich damals mit seiner Nichte zusammenwohnte. Als ich in Rom eine Einladung von Keith zum Essen mit der Begründung ablehnte, ich hätte keine Lust, in den Zoo zu gehen und Promis anzuschauen, meinte er, dieser "strange swiss guy" solle sofort ans Telefon kommen. Dann nannte er mich zum Glück einen Idioten und befahl mir, in einer Stunde auf der Matte zu stehen. Nicht länger Widerstand geleistet zu haben, bereute ich spätestens dann nicht mehr, als ich erlebte, wie Keith alles um sich herum vergessen kann, wenn die Musik von ihm Besitz ergreift. Und wie er sich auch unter widrigen Umständen um seine engsten Familienangehörigen und treuen Freunde kümmerte, beeindruckte mich tief. Jedenfalls würde ich jedem Menschen einen Freund wie Keith wünschen.
Mein Fazit: Natürlich hatte ich beim Lesen eine besondere Optik, da ich das Glück hatte, Keith Richards persönlich kennenzulernen. Aber beim Schreiben dachte er so wenig an mich wie an seine Fans. Zusammen mit seinem Freund James Fox hat er einfach über 700 Seiten verfasst, auf denen er Geschichten erzählt, die von ihm und seinen Beziehungen, vom Songschreiben und der Musik, von damals und heute handeln. Und er lässt auch Menschen zu Worte kommen, die für ihn wichtig waren und sind. Was will man mehr?