Nachdem Michael Powell und Emeric Pressburger bereits vier Filme zusammen gedreht hatten, war "Leben und Sterben des Colonel Blimp" der erste Film ihrer frisch gegründeten eigenen Produktionsfirma "The Archers" und gleichzeitig ihr erster Farbfilm.
In seinem Entstehungsjahr 1943 scharf kritisiert für die in Kriegszeiten als "zu sympathisch" empfundene Darstellung eines deutschen Offizieres und auch über 1945 hinaus lange Zeit mehr oder weniger in Vergessenheit geraten, wurde der Film, den Powell und Pressburger als ihren besten bezeichnet haben sollen, 1983 restauriert und in seiner stolzen Originallänge von fast drei Stunden neu veröffentlicht.
Inmitten der Kriegswirren 1943 erinnert sich Clive Candy (Roger Livesey) an seine Erlebnisse während des Burenkrieges, als er den deutschen Offizier Theo (Anton Walbrook) durch ein Duell kennenlernte und mit ihm trotz des Kriegzustandes und sprachlicher Barrieren eine Freundschaft schloss, die selbst Theos Eheschließung mit Edith, in die auch Clive verliebt war, und zwei Weltkriege überdauern sollte.
Während des Ersten Weltkrieges wurde Theo britischer Kriegsgefangener und Clive lernte die junge Krankenschwester Barbara kennen, die ihm zunächst nur durch ihre äußerliche Ähnlichkeit mit Edith auffiel und mit der er dennoch bis zu ihrem Tod eine glückliche Ehe führte.
In den Dreißiger Jahren starben sowohl Edith als auch Barbara.
Theo, dessen Kinder im Gegensatz zu ihm zu überzeugten Nazis geworden sind, beantragt Asyl in England, wo er Clive wiedertrifft.
Dieser ist inzwischen General und hat sich unter 700 Bewerberinnen eine Chauffeurin ausgesucht, die Edith und Barbara wiederum verblüffend ähnlich sieht...
Die Zeiten haben sich geändert und desillusioniert muss Clive erkennen, daß seine althergebrachten Vorstellungen von Anstand und Fairplay selbst im Krieg überholt zu sein scheinen.
Umso mehr ist es ihm ein Trost und eine Hilfe, seinen alten Freund Theo wieder an seiner Seite zu haben...
Mit welch liebevollem Aufwand der Film gestaltet ist, sieht man bereits während des Vorspannes, der als farbenfroher Gobelin daherkommt, in den auch die Namen der Hauptdarsteller eingestickt sind.
Powell und Pressburger schwelgen in Farbe, in verschwenderischer Ausstattung, aber auch in originellen und liebevoll gestalteten Regie- und Kameraeinfällen.
Bereits die Einleitung der langen Rückblende zeugt von inszenatorischem Einfallsreichtum, als der gealterte Candy bei einem Gerangel mit einem jungen Soldaten in ein türkisches Bad fällt (welches als Schauplatz in puncto Farbe, Ausstattung und schöne Bildkompositionen natürlich auch bereits einiges hergibt) und um vierzig Jahre "verjüngt" im Jahre 1902 wieder auftaucht.
Originell auch die Gestaltung des Zeitsprunges zwischen dem Burenkrieg und dem Ersten Weltkrieg, der durch die immer zahlreicher werdenden, mit Jahresangaben versehenen Jagdtrophäen in Candys Salon dargestellt wird, von denen die letzte nach zahlreichen präparierten Tierköpfen ein deutscher Helm ist...
Adolf Wohlbrück, der sich seit Verlassen Deutschlands 1936 Anton Walbrook nannte, überzeugt als Theo auf ganzer Linie.
Unvergesslich die Szene, als er in England Asyl beantragt, dies begründen soll und daraufhin erzählt, daß er als Deutscher "Heimweh" habe nach dem Land seiner verstorbenen Frau, in dem sein bester Freund lebt und wo man ihn nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1919 als Freund verabschiedet und ihm Mut zugesprochen hat, als er mit gemischten Gefühlen in das zerstörte Deutschland zurückkehrte.
Um diese ebenso wichtige wie tief berührende Szene in ihrer Wirkung noch zu unterstreichen, nehmen sich Powell und Pressburger entgegen ihrer sonstigen Vorliebe für Farbe und Ausstattung hier extrem zurück:
Fast alle Farbe ist aus dem Bild gewichen, es gibt keine Musik und die graue Bürowand, die den Bildhintergrund bildet, verschwimmt hinter dem gealterten Theo, der seinen bewegenden Monolog nahezu direkt in die Kamera spricht - herzzerreißend.
Großartige Arbeit haben auch die Maskenbildner geleistet, die eine immerhin rund 40 Jahre umspannende Alterung von Walbrook und Livesey realisieren mussten und diese Herausforderung glänzend gemeistert haben, sowohl bei Walbrook, der im letzten Handlungsdrittel mit ergrautem Haar, fahlem Teint und dezenten Augenfältchen sehr distinguiert wirkt, als auch bei Livesey, der, ohne dabei maskenhaft zu wirken, in allen drei Zeitebenen vollkommen unterschiedlich, aber immer lebensecht wirkt.
Zauberhaft ist auch die junge Deborah Kerr in allen drei weiblichen Hauptrollen.
Die Besetzung der drei zwar äußerlich ähnlichen, aber von ihrem Naturell her eigentlich recht unterschiedlichen Damen mit ein und derselben Darstellerin, die hier nicht mal durch die Maskenbildner verändert wird, sondern lediglich Kleidung und Frisuren der drei verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen trägt, ist ein genialer handwerklicher Kunstgriff, der ganz alleine schöner und deutlicher zeigt, wie sehr man in jeder neuen Liebe doch immer wieder die eine, die große, die verlorene solche sucht und sieht, als dies alle Dialoge und Erklärungen jemals darstellen könnten.
Roger Livesey als Clive überzeugt ebenfalls, bleibt für mich aber etwas blasser als Anton Walbrook und Deborah Kerr, was jedoch gar nicht schlecht zu seiner Rolle als den althergebrachten militärischen Tugenden verhafteter Berufssoldat passt.
Zeitgenössische Kritiker bemängelten seinerzeit unter anderem, daß unklar bliebe, worum es in dem Film eigentlich ginge.
Diese harsche Kritik möchte ich so nicht unterschreiben, aber Fakt ist, daß der Film sich nicht so einfach in eine Schublade einsortieren lässt.
In seinen fast drei Stunden Laufzeit verbindet er sehr viele unterschiedliche Themen und vermag sowohl als Militär- und Kriegsfilm mit durchaus auch satirischen Seitenhieben auf das Militär und das Berufssoldatentum als auch als Geschichte einer Freundschaft und mehrerer Lieben und leicht patriotisch angehauchte Entwicklungsgeschichte zu überzeugen.
Durch die lange Laufzeit des Filmes schafft er es aber tatsächlich, all diese Themen stimmig unter einen Hut zu bringen und zu einem harmonischen Gesamtkunstwerk zu verbinden.
Dabei sind auch alle einzelnen Elemente für sich genommen durchweg hervorragend und strotzen nur so von wunderbaren Momenten.
Vor allem aber berührt der Film als Geschichte einer (Männer-)Freundschaft, die über Jahrzehnte hinweg alle Widrigkeiten übersteht.
Der Name des titelgebenden "Colonel Blimp", der im Film nicht vorkommt, wurde übrigens einem satirischen Comic Strip von David Low entnommen.
Volle Punktzahl und eine ganz klare Empfehlung für dieses künstlerische Meisterwerk, welches (wieder) zu entdecken sich lohnt und welches viel mehr als nur eine Fingerübung Powell/Pressburgers für ihre späteren Klassiker wie "Die Roten Schuhe" oder die "Schwarze Narzisse" ist.