Aus der Amazon.de-Redaktion
Es ist in den letzten Jahren nicht gerade selten vorgekommen, dass Anfangs hochgelobte Newcomer recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden sind. Bei Mika muss man in dieser Hinsicht allerdings keine Befürchtungen haben, denn mit seinem Debütalbum legt der 23-jährige Sänger und Songwriter ein in allen Belangen so rundum überzeugendes und hochklassiges Werk vor, dass wir an ihm garantiert noch lange unsere Freude haben werden. Dabei ist es nur von verminderter Aussagekraft, mit welchen Künstlern er bisher schon alles verglichen worden ist. Die Liste ist lang und reicht von Freddie Mercury über Beck bis hin zu den Scissor Sisters. Wenn man genau hinhört, dann kann man noch eine Vielzahl weiterer Einflüsse und Inspirationsquellen heraushören. Doch alle diese Vergleiche helfen letztlich nicht weiter. Mika ist viel zu einzigartig und seine Musik auf
Life In Cartoon Motion lässt sich eben nicht einfach in irgendwelche bereits vorhandene Schablonen pressen. Mit dem herrlich überdrehten, mit einer göttlichen Melodie gesegneten Opener
Grace Kelly, zugleich auch die erste Single, legt er die Meßlatte für die folgenden Songs schon einmal extrem hoch. Was ihn aber nicht darin hindert, mit "My Interpretation" und "Love Today" diese Marke noch einmal locker zu überspringen. Mika ist ein Naturtalent, was das Songwriting und sein Gespür für absolut geniale Hooklines und Melodien angeht. Darin erinnert er in der Tat an den frühen Elton John, der in den 79er Jahren ähnlich ausgelassen und überschwänglich unterwegs war. Und auch wenn diese ewigen Vergleiche nur bedingt weiterhelfen, so ist es nicht vermessen, ihm eine ähnlich langlebige Karriere vorherzusagen. Solange er jedenfalls mühelos Songs wie das mit dezenten Disco-Elementen angereicherte "Relax (Take It Easy)" oder wundervolle, mit Streicher-Klängen unterlegte Balladen wie "Any Other World" aus dem Ärmel schüttelt, gibt es nicht den geringsten Grund daran zu zweifeln.
--Norbert Schiegl
pure.de
Vielleicht gibt es das perfekte Popalbum ja gar nicht. Zumal auch überlebensgroße, schillernde Popstars letztlich fast immer eben Eines sind: Eitle Zeitgenossen, weit entfernt von Vollendung und makelloser Kunst und bestenfalls mit einem stattlichen Hang zum Perfektionismus ausgestattet. Das gilt für Elton John und Robbie Williams, wie es für Freddie Mercury und die Gebrüder Gibb galt. Womit bereits ein Großteil des Vergleichsbestands abgerufen wurde, auf den die Musik- und Poppresse zuletzt gerne zurückgriff, wenn es darum ging, die so beliebten Referenzspielchen zu spielen: Mika, das 23-jährige Pop-Wunderkind aus London, wahlweise ein vierter Bee Gee oder ein neuer Elton John. Mit der neuen Single "Relax, Take It Easy" auch noch Aufwerter eines aufstrebenden Telefonanbieters und damit beinahe omnipräsent. So frech sich diese Single beim Piano-Riff von "(I Just) Died In Your Arms" bedient, so unverfroren-spitzbübisch rollt das 2007er Debüt des Wuschelkopfs "Life In Cartoon Motion" das Popfeld von hinten auf. Ein Feld, das die Scissor Sisters aus New York ein Jahr zuvor schon kräftig beackerten und auf dem der campy Glitzer-Pop von Mika nun so kunterbunt und reichhaltig blühen kann, so dass für jeden etwas dabei ist. Was normalerweise einem mangelhaften eigenen Profil zuzuschreiben ist - ein Film "für die ganze Familie" - ist selten etwas für Connaisseure. Bei Mika aber ist der Ansatz ein anderer: Diesem Popbonbon kann man sich nicht entziehen, selbst wenn man keine Süßigkeiten mag. So herrlich überdreht klettert der Gesang im Über-Hit "Grace Kelly" bis ganz oben unter's Dach von Wolkenkuckucksheim. Dort oben tanzt er dann auf dem dünnen Seil von Ironie und Ernst, fällt aber freilich nicht. "Big Girl (You Are Beautiful)" stampft durch die Kulissen eines imaginären Musicals, in dem sich (vermeintlich) irgendwie alles um Drag Queens und Federboas dreht. Über-das-Ziel-hinaus ist hier das Ziel, ein gesundes Maß an Übertreibung hat schließlich noch keinem geschadet. "Lollipop" klingt wie es heißt, endet unter der klebrig-süßen Hülle aber als Enttäuschung: "Sucking to hard on your lollipop, oh love's gonna let you down". Vor einem allzu stechenden Schmerz aber schützt seit jeher der Mantel der Ironie. Vielleicht ist sie das Geheimnis von "Life In Cartoon Motion": Es ist so grell und herrlich kitschig, dass man es ohne rot zu werden gut finden kann. Kann ja alles schließlich nicht ganz ernst gemeint sein, was es wiederum gefährlich nah ans perfekte Popalbum bringt - mit Verbissenheit und akribischem Perfektionismus ist da nämlich nichts zu holen.