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Liegen lernen [Gebundene Ausgabe]

Frank Goosen
3.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (57 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Nix los
Frank Goosen erzählt sein Erwachsenwerden in den 80er-Jahren der alten Bundesrepublik.

Man nehme ein bisschen Zeit, einen Laptop und den Bestseller Die Generation Golf von Florian Illies. Hinzu schütte man ein paar persönliche Erfahrungen, vermenge sie gut mit Altbekanntem und fertig ist ein Roman über die 80er-Jahre.

Der Held in Frank Goosens Romandebüt "liegen lernen" heißt Helmut. Seine Mutter ist dick und Hausfrau, sein Vater geht immer in den Keller, um seine riesige Plattensammlung zu bestaunen und um heimlich gedankenverloren zur Musik zu tanzen. Helmut schaut fern, neuerdings sogar in Farbe.

Diese Welt ist so lange in Ordnung bis Britta, die Neue, in der Klasse auftaucht. Ihre Eltern wohnen in einem Haus am Waldrand, sie sind Künstler und Britta nennt sie beim Vornamen. Helmut verliebt sich unsterblich in sie, die beiden schlafen miteinander und er beginnt durch sie beeinflusst, sich politisch in Aktionsgruppen zu engagieren.

Von heute auf morgen verlässt Britta ihn, um, wie sie sagt, in Amerika neue Erfahrungen zu sammeln. Für Helmut jedoch bleibt sie die große Liebe seines Lebens und es dauert bis in die zweiten Hälfte der 90er-Jahre und bedarf drei weiterer Beziehungsversuche, bis er sich von diesem Schock erholt. Das alles muss der Leser mit ansehen: jede neue Beziehung mit beginnen, sich durch die Mühen der Ebene schleppen und jedes Mal ihr Scheitern durchleiden. Das alles auf der Folie der 80er-Jahre, mit ihren bekannten Symptomen Friedensbewegung, Kohl-Lethargie und Konsumrausch. Alles nichts wirklich Neues. Aber alles spannend für die Kinder dieser Zeit.

Die alte Bundesrepublik beginnt nun nach der Wiedervereinigung langsam, sich ihre Geschichte zu erzählen. Sie scheint von den Ereignissen um 1989 ebenso mitgenommen worden zu sein wie die ehemalige DDR. Anders ist diese Bestandsaufnahme und das ewige Kreisen um Kindheit als Versicherung einer Herkunft nicht zu erklären. Frank Goosen hat zu dem Puzzle, das westdeutsche Identität bedeuten könnte, seinen Teil beigetragen. Leider jedoch keinen großen und man glaubt langsam wirklich, dass es damals sehr langweilig gewesen sein muss. --Jana Hensel

Kurzbeschreibung

Eine Stadt im Ruhrgebiet. Anfang der 80er Jahre. Helmut ist 16, besucht die Oberstufe eines Gymnasiums, hat Eltern, die nicht miteinander reden und eine Mutter, die immer nur wissen möchte, was er eigentlich will. Vom Leben, zum Beispiel. Wenn er das nur selbst so genau wüßte. Seine lakonische Selbsteinschätzung: drogenabstinenter, heterosexueller Nichtdemonstrierer, so wenig Engagement wie nötig, so viel Leben (lassen) wie möglich. Helmut hört Platten von den Beatles und Dylan, tanzt zu Madness und Fischer Z, trägt wie alle anderen Bäckerhosen und verliebt sich in die Schulsprecherin Britta. Ihr zuliebe engagiert er sich in der Nicaragua-Gruppe, sie führt den kleinbürgerlichen, immer etwas schüchternen Jungen in die Liebe ein. Zur ersten Liebe aber gehört auch die erste Enttäuschung. Und so erzählt Helmut rückblickend sein Leben als Suche nach der einzigen Frau, die ihm etwas bedeutet hat, während seine amourösen Abenteuer ihn in Wirklichkeit kaltließen.

Über den Autor

Frank Goosen, geboren 1966 in Bochum, hat sich Ruhm und Ehre als eine Hälfte des Kabarett-Duos "Tresenlesen" erworben. 2003 erhielt Frank Goosen den Literaturpreis" Ruhrgebiet". Mit seinen Kabarettprogrammen tourt er regelmäßig durch Deutschland. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern wohnt er in Bochum.

Auszug aus Liegen lernen. von Frank Goosen. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Im September 1998 stürzte ein Mann frühmorgens
vornüber aus einer im Souterrain gelegenen Kreuzberger Kneipe in eine Pfütze
brackigen Regenwassers und fühlte sich nun bereit für einen abschließenden
Döner. Sein Leben als verantwortungsloses, bindungsunfähiges, triebhaftes
Arschloch war definitiv an einem Tiefpunkt angekommen. Gegenüber war eine
Plakatwand, auf der stand: "Wir werden nicht alles anders, aber vieles besser
machen!" Der Mann war knapp über dreißig, ungewaschen und unrasiert und hatte
seit einigen Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Fast schien es, als wolle er
liegenbleiben, da in der Pfütze. Einfach liegenbleiben, ging ihm durch den Kopf.
Aber der große breite Wirt mit der hohen Stimme und die fünf stummen Biker
würden sicher etwas dagegen haben. Und ob das häßliche, magere Mädchen, das seit
Stunden im Schneidersitz in ein Mineralwasser hineinmeditiert hatte, sich für
ihn verwenden würde, war mehr als fraglich. Aus der Kneipe kam chinesische
Musik.
Der Mann schmeckte Regenwasser. Er fror. Aber das alles dauerte nur ein paar
Sekunden, dann stand der Mann auf und ging in die nächste Telefonzelle. Man sah
ihn telefonieren, den Kopf gegen den Apparat gelehnt. Nach ein paar Minuten kam
er wieder heraus. Er ging ein paar Schritte und blieb vor einem türkischen Imbiß
stehen. Aus dem Döner würde nichts werden. Der Mann hatte kein Geld mehr. Er
konnte jetzt nur noch warten.
Dieser Mann, der mit leerem Magen, Kopfschmerzen und einem tauben Gefühl in den
Knochen vor diesem Imbiß stand, war ich. Die ganze Geschichte hatte an dem Tag
angefangen, als meine Eltern sich einen Farbfernseher kauften.
Es hatte bis zum Spätsommer 1982 gedauert, bis mein Vater den uralten
Schwarzweißfernseher auf den Müll warf und ein neues Gerät anschaffte. Wenn es
nach ihm gegangen wäre, hätte es nicht unbedingt ein Farbfernseher sein müssen,
wahrscheinlich war ihm ohnehin schon lange alles zu bunt, aber der Händler hatte
einfach keine Schwarzweißgeräte da, und das war unser Glück. Der Apparat wurde
geliefert, als die großen Ferien vorbei waren, aber das war Zufall.
Mein Vater tat immer so, als interessiere Fernsehen ihn nicht, aber seine
allabendliche "Tagesschau" ließ er sich nicht nehmen. Filme, Serien und
Reportagen schien er immer nur widerwillig zu sehen, nach dem Motto: Na, wenn
der Fernseher schon mal an ist,... Das hat er nie gesagt, aber man sollte das
von ihm denken.
Meine Mutter hat immer sehr gern ferngesehen. Wenn es nach ihr gegangen wäre,
hätten wir schon längst einen "Buntfernseher" gehabt. Aber mein Vater meinte,
dafür sei kein Geld da. Meine Mutter schüttelte dann nur den Kopf und seufzte.
Sie mochte "Was bin ich?", und wenn Robert Lembke den Gong schlug, machte sie
die Augen zu, denn dann wurden die Berufe der Leute eingeblendet, und sie machte
die Augen erst wieder auf, wenn der Gong zum zweiten Mal ertönte, und dann
versuchte sie mitzuraten. Ich glaube, meinem Vater ging das ziemlich auf die
Nerven. Aber er sagte nichts, sondern atmete nur ein paarmal hörbar aus oder
kratzte sich etwas zu oft am Fuß.
Meine Eltern hatten eine graue Sitzgarnitur. Meine Mutter saß auf dem Zweisitzer
und mein Vater in einem der beiden Sessel. Seine Füße legte er auf den anderen
Sessel, und der Dreisitzer blieb meistens leer. Meistens zog sich mein Vater die
Socken aus, und dann sah man, daß er sich nicht so gern die Fußnägel schnitt.
Ich war begeistert, daß wir endlich einen Farbfernseher hatten. Ich konnte mir
ein Leben ohne Fernsehen schon gar nicht mehr vorstellen, und vor allem konnte
ich mich an ein Leben ohne Fernseher gar nicht mehr erinnern. Der Fernseher war
immer dagewesen.
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