Ich habe das Buch gegen 19:00 Uhr abends angefangen zu lesen. Obwohl ich ein Schnelleser bin, habe ich nicht damit gerechnet und auch nicht vorgehabt, das Buch an einem Abend durchzulesen. Aber obwohl ich es zwischendurch weggelegt und das Licht ausgemacht habe,konnte ich nicht schlafen, weil mir soviele Gedanken durch den Kopf gingen. Ob mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, weil ich das Buch gelesen habe, kann ich gar nicht so genau sagen. Tatsache ist, dass ich das Buch einfach zu Ende lesen musste.
Ich glaube, das Stärkste an diesem Buch sind die klare Sprache und das Aufkommen von Erinnerungen bei jedem, der in der gleichen Zeit wie Jürgen Goosen gross geworden ist. Dieser Effekt zieht einen vordergründig in das Buch hinein, sei es durch die im Hirn angespielten Musiktitel oder die Schilderung der zeittypischen Feten und Besäufnisse, der Musik, die man hören musste und der Musik, die man auf keinen Fall hören durfte.
Das eigentlich interessante ist aber die psychologische Komponente. Helmut hat sich 33 Jahre lang durchs Leben tragen lassen, ständig verfolgt von Situationen wie an der Supermarktkasse, wo man sich plötzlich für eine der vielen Süssigkeiten entscheiden muss. Und plötzlich wird ihm die Pistole auf die Brust gesetzt. Seine Freundin verlangt von ihm, sich jetzt ganz für ihn zu entscheiden, will ein Kind von ihm, also: ihm die Schlinge um den Hals legen.
Das ist die Ausgangssituation des Buches und in einer Retrospektive beginnt von der ersten Seite an eine Beschreibung seines "Leidensweges" früherer Beziehungen. Dieser Plot erinnert dabei sicher nicht völlig zufällig an "High Fidelity", vor allem als Helmut seine Verflossenen quer durch Deutschland in einer Tages- und Nachttour besucht, aber "High Fidelity" ist amerikanischer, das Setting von "Liegen Lernen" ist deutsch wie es deutscher nicht sein kann.
Dabei fällt auf, dass Helmut eigentlich nie den aktiven Part dargestellt hat. Von allen seinen Freundinnen ist er eigentlich "entdeckt" worden, die Ausnahme ist Gisela, die aber mit einem ganzen Zaun gewunken hat, so dass für ihn das Risiko einer Abfuhr praktisch nicht existent war.
Helmut ist mit völlig verschiedenen Frauentypen zusammen, muss lernen, dass man die grosse Liebe - und wenn sie mit 15 passiert, was tragisch ist - nie wirklich vergisst und man sich am Ende irgendwann doch mal für etwas entscheiden muss.
Das Schmerzliche an einer solchen Entscheidung ist nachvollziehbar (nie wieder eine andere Frau). So ist seine Entscheidung für Tina auch kein reines Happy-End, sondern entwickelt sich vielmehr aus dem Gefühl, endlich nicht mehr heimatlos zu sein.
Das ist alles sehr gefühlvoll, ohne dick aufzutragen, geschrieben. Aber man ahnt, dass die Selbstzweifel von Helmut nicht für immer beseitigt werden sein werden und wird neugierig, was wohl mit Helmut passiert, wenn er als Familienvater mit vierzig dann irgendwann mal in die Midlife-Crisis kommt...