LIEGE AND LIEF gehört zu den raren Alben, bei denen man sich zur Mitte des zweiten Stückes zurücklehnt und beifällig nickt ("Reynardine"). Ja, das ist wunderbar. Zur Mitte des vierten Stückes bist Du sicher, da geht nichts mehr schief, diese Platte hörst Du bis zum Ende durch, mit geschlossen Augen und erst zufrieden, dann begeistert ("The Deserter"). Und so geht es weiter und Du stellst fest, dass es so etwas Schönes nicht ganz so oft gibt. Am Ende magst Du kein einzelnes Stück herausheben, weil Du nicht wüsstest welches. Der ruhige, stete Fluss, die durchgängig stimmige Abfolge, die warme Harmonik, der betörende Gesamtklang - all das ist es, was mich am Ende des Albums so glücklich stimmt. Übertrieben? Nein, so ging es mir und nicht anders.
Sandy Dennys Stimme ist vielleicht auf keinem anderen Album so gut. Die Band spielt so kompetent zwischen Folk und Rock ("Tam Lin"), dass die Ausnahmestellung dieser Gruppe im "Genre" Folkrock mit diesem vierten Album zementiert war; es ist ein ungemein warmer, satter Klang, vor allem, wenn Dave Swarbrick zur Bratsche statt zur Fiddle greift. Dazu eine solche Anballung wunderbarer Melodien: das schaffen nur wenige Künstler - ganz große Klasse! Ob unbedingt besser als das Debütalbum oder WHAT WE DID ON OUR HOLIDAYS? Müßig, das zu bewerten, F.C. lieferten damals ein Meisteralbum nach dem anderen.
Die Bonustracks (Nr. 9 und 10) sind übrigens nicht ohne. "Sir Patrick Spens", vertonte Kurzfassung einer schottischen Kinderballade, hätte sich schon auf der Originalfassung bestens gemacht, war aber ursprünglich erst auf FULL HOUSE (1970) erschienen: wegen Sandy Dennys Fortgang mit bestens gesetztem Wechselgesang der F.C.-Herren.