In diesem Konzert, welches im Jahre 1949 in Berlin mitgeschnitten wurde, stellte Erna Berger einmal mehr unter Beweis, dass sie eine Sängerin und Liedgestalterin höchsten Ranges war, und dies nicht nur innerhalb ihrer Generation.
Mit dem umfassenden Programm, in dem ein großen Bogen von Gluck über Mozart, Schubert bis hin zu Offenbach, Verdi und Wolf geschlagen wird, zeigt sich die Sängerin in bester Form, vielseitig und vor allem mit ihrer großen Fähigkeit zur Einfühlsamkeit. Jedes Werk ist innerlich erlebt, tief empfunden. Die Wärme der Stimme durchdringt jede Note, wirkliche „Beseeltheit", ja vielleicht Wahrhaftigkeit kommen hier zu Tage, der jegliche Affektiertheit, aufgesetzt -künstlicher Ausdruck oder Effekthascherei fremd ist. Ihre Gestaltung wird stattdessen bestimmt von Schlichtheit des Singens und Natürlichkeit des Ausdruckes, sodass sie wesentlich weiter gefächerte und andere Mittel zur Verfügung hatte und insbesondere dem Lied mehr geben konnte, als die meisten anderen Sängerinnen ihres Stimmfaches.
Als ein exemplarische Beispiele dafür können u.a. gelten "O del mio dolce ardor" von Gluck,Mozarts "Abendempfindung" oder "Das Veilchen", aber vor allem Schuberts "Ave Maria".
Die vollkommene Gestaltung innerhalb der lang durchgezogenen Legatobögen und damit einhergehend die Vermeidung übermäßiger Heraushebung einzelner Töne erzeugt einen schwebenden Charakter, aber auch Klarheit, Einfachheit und Innigkeit kennzeichnen diese Interpretation, die berührend ist, sich aber dennoch - und das ist das besondere - von jeglicher Sentimentalität oder Kitsch fernhält.
Auch einige Raritäten aus dem Repertoire Erna Bergers sind zu hören, wie z.B. die "Lieder des Glücks" von Joseph Haas oder die Offenbachs Olympia-Arie aus "Hoffmanns Erzählungen", die nur sehr selten von ihr zu hören war. Mit den makellosen Koloraturen brauchte sie auch zu diesem Zeitpunkt - die Sängerin war beinahe schon fünfzig Jahre alt - noch keine Vergleiche zu scheuen. Sie setzt auf Charme und erfrischender Lebendigkeit, anstatt nur auf stupende Geläufigkeit, was auch bei der maschine Olympia durchaus im Einklang miteinander stehen kann und seine Wirkung nicht verfehlt. Zudem kommt sie ohne zusätzliche Verziehrungen aus.
Die Arie der Gilda aus "Rigoletto", eine Partie, die wahrscheinlich zu ihren besten gehörte, zeugt von Hingabe, großer Sensibilität und musikalischem Gespür, zudem hier noch eine der Spezialitäten Erna Bergers, der verlängerte, bis zum Ende gehaltene Triller zu bewundern ist.
Ihre Stimme verrät das Alter der Sängerin in keiner Weise, im Gegenteil - die Jugendlichkeit des Timbres und der zauberhafte, berückende Stimmklang lassen erahnen, warum der Künstlerin von einigen Kritikern damals das Geheimnis der ewigen Jugend bescheinigt wurde, dies wohl nicht ganz zu Unrecht.
Insgesamt handelt es sich hier um ein wertvolles Dokument jener Sängerin, die einst als singende Botschafterin bezeichnet wurde.
Das schöne Booklet enthält einen informativen Text (in Deutsch, Englisch und Französisch), in dem man viel Interessantes und Persönliches über Erna Berger und ihre Karriere erfährt.