Die "Lieder ohne Worte" sind die wohl populärsten Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy. Das dürfte den Komponisten ehrlich verwundern, schließlich komponierte er sie vornehmlich für Frauen und betrachtete sie als leichte Kost. Heute jedoch zählen viele der jeweils in Sechsergruppen veröffentlichten Charakterstücke zum Standardrepertoire eines jeden Pianisten. Und tatsächlich unterschätzte sich Mendelssohn selbst, denn die "Lieder ohne Worte" enthalten einige seiner schönsten Melodien.
Die "Lieder ohne Worte" aus op. 19 sind gleich sechs Paradebeispiele für die Qualität und Eigenschaft dieser Kompositionen: Es handelt sich mehr oder weniger um fein gearbeitete, sehr individuelle Stücke, die - ähnlich Franz Schuberts "Moments musicaux" - kurze, schnell verrauschte Stimmungen festhalten. Von der kompositionstechnischen Ausgereiftheit des deutschen Tonsetzers zeugen solche Perlen wie das heitere "Jägerlied" oder eines von mehreren, getragenen "venezianischen Gondelliedern".
Auch in op. 30 befindet sich eines dieser "Gondellieder", die in beinahe impressionistischer Manier die Gelassenheit und Schönheit der Lagunenstadt heraufbeschwören. Man meint, den Gondoliere singen zu hören - oder besser: summen.
Auch die Lieder aus op. 38 stellen aussagekräftig den jugendlichen Esprit Mendelssohns zur Schau. Freilich handelt es sich auch hier nicht um virtuose Klaviermusik, aber dennoch laden die Kompositionen zum Verweilen und Genießen ein.
Die Ansprüche an den Pianisten wachsen mit op. 53, und spätestens hier sollten die Damen, für die die Stücke zum großen Teil geschrieben wurden, gut geschult im Klavierspiel sein, denn besonders der aufbrausende Stolz des g moll Prestos dürfte einige Stolpersteine bereit halten.
Op. 62 enthält einige der schönsten Klavierstücke Mendelssohns, unter anderem den entzückenden "Trauermarsch" oder das espritvolle "Frühlingslied". Wieder wartet der Komponist mit einem seltsam verklärten "Gondellied" auf.
Die nächste Gruppe um op. 67 beinhaltet zum Beispiel das wundervolle, perlende "Spinnerlied" oder das liebevoll gearbeitete "Wiegenlied". Aber auch die Lieder, die keinen programmatischen Beinamen besitzen, warten mit einigen wunderbaren Melodiebögen und romantischem Überschwang auf.
Die nächsten beiden Gruppen enthalten kein einziges Lied mit Beinamen. Ab op. 85 wird der musikalische Ausdruck konzentrierter und schlichter. Mendelssohn bemüht sich hier ebenso darum, innerhalb der beiden Gruppen einen größeren thematischen Zusammenhang herzustellen.
Und so nimmt es nicht Wunder, dass op. 102 die gelungensten "Lieder ohne Worte" enthält. Natürlich sind diese Stücke weitaus schwerer zugänglich als ihre Vorgänger. Viele der Kompositionen scheinen in sich verharren zu wollen und entwickeln aus ihrem ruhenden Kern eine bezaubernde Dynamik und weitschweifige melodische Bögen. Jedes einzelne legt Zeugnis von der kompositionstechnischen Meisterschaft ihres Schöpfers ab.
Als Zugabe gibt's einige weitere Klavierstücke aus der Feder des "Erneuerers der Romantik": Zum einen ein allein stehendes "Gondellied", das beweist, wie wichtig Mendelssohn dieses Medium war. Weiterhin sind zwei kleine "Klavierstücke" vertreten. Die "Kinderstücke" op. 72 sind vom Anspruch und vom musikalischen Gehalt her zu vergleichen mit Robert Schumanns "Album für die Jugend". Zuletzt bleibt das "Albumblatt" op. 117, das bagatellenhaft einige zerbrechliche Melodien offenbart.
Die vorliegende Einspielung durch Daniel Barenboim entstand 1973 und ist eine der ersten Soloaufnahmen des Pianisten bei der Deutschen Grammophon. Trotz des hohen Alters kann die Aufnahmequalität als durchweg gut bezeichnet werden.
Barenboims Anschlag ist farbig pointiert und stets lyrisch. Seine Interpretation wird der Partitur voll und ganz gerecht. Sein differenziertes und äußerst transparentes Spiel lädt die Kompositionen durch gezielt gesetzte Kontraste und Akzente mit einem Gros an Spannung auf. Hinzu kommt das angenehme Tempo, das Barenboim wählt. An Ausdruckstiefe, Differenziertheit und Leidenschaft mangelt es an keiner Stelle, sein Vortrag ist durchgängig homogen. Eine der besten Aufnahmen des gebürtigen Argentiniers!