Diese Unternehmung durch Fischer-Dieskau und Gerald Moore bzw. die Deutsche Grammophon Gesellschaft wurde einst begonnen, um alle Lieder für eine Männerstimme in einer Kassette vorzulegen. Fischer-Dieskau hatte Bedenken, ob jemand überhaupt so viele Lieder (463 und damit immer noch über 3/4 aller bis heute bekannten Schubert-Lieder) hören wollte. Während man die Liederzyklen vielfältig vorfindet, stellt sich ein Problem ein, wenn man nach seltenen Liedern, z.B. der 23-minütigen Ballade "Der Taucher" Ausschau hält. Letzteres Werk ist meines Wissens nur auf ganz wenigen Einzel-CDs verfügbar, z.B. mit Lorenz/Shetler. Allerdings wäre hier Fischer-Dieskau/Moore (DG) vorzuziehen, die man nur in dieser 21-CD Edition erhält. Zum ersten Mal fand ich z.B. "Der Taucher" von Schiller in Schuberts Vertonung faszinierend, auch aufgrund der hervorragenden Klavierbegleitung. Bisher waren auf praktisch allen käuflichen CDs niemals nur Lieder enthalten, die mir alle sehr gut gefallen hätten oder die ich oft hören möchte, obwohl ich eine große Sympathie und Bewunderung für das Liedschaffen Schuberts empfinde. Auch die Nummernfolge, so wie sie in dieser Fischer-Dieskau-Ausgabe angeordnet ist, höre ich fast nie ganz durch. Das geht mir mit Schubert-CDs anderer Sänger(innen) aber auch so. Im Rahmen dieser Großtat wurden vielleicht im Vergleich nicht immer die spannendsten Darbietungen bei jedem Einzellied erreicht, aber immer ein ansehnliches Niveau - und diese Ausgabe der Lieder für eine Männerstimme wirkt homogen - im Gegensatz zur vollständigen Hyperion-Gesamtausgabe, wo man immer viele Sänger, auch solche mit nicht akzentfreier Betonung, auf einer CD versammelt hat, weil die Lieder nachträglich nach Deutsch-Verzeichnis angeordnet worden sind [
Franz Schubert: Sämtliche Lieder]. Schuberts längstes Lied "Adelwold und Emma" wurde ausgelassen. Es ist in der Originalfassung mittlerweile von einem Tenor gesungen erhältlich (bei Naxos oder Hyperion). Einige der anderen nicht enthaltenen Lieder wurden mittlerweile auch von Sopranistinnen aufgenommen (Elly Ameling, Susan Walker, Lynne Dawson, ...). Zur wesentlichen Einschätzung dieser "Premieren"-Box ist das eher weniger ins Gewicht fallend, nicht nur weil hoher künstlerischer Anspruch vor enzyklopädischem veranschlagt wurde. Sogar Johannes Brahms hatte sich seinerzeit gegen die erste Gesamt-Veröffentlichung aller Schubert in gedruckter Form gewehrt, weil sich auch schwächere bzw. einfachere Kompositionen darunter befänden. Heute ist es selbstverständlich, dass es kein einziges nicht wertvolles Schubert-Lied gibt. Fischer-Dieskau hatte die allermeisten Lieder von denen, die sich nach dem künstlerischen Empfinden der Ausführenden noch für die Transposition in die Baritonlage eigneten, aufgenommen. Die anderen Lieder sollte eigentlich Dame Janet Baker aufnehmen, aber ein Exklusivvertrag mit der EMI stand dem im Wege.
Wer sich zuerst mit "besonders markanten Titeln" mit Dietrich Fischer-Dieskau vertraut machen möchte, so wie es in der Produktbeschreibung formuliert wird, dem würde ich auf diese EMI-CD
Schubert: 21 Lieder und darüberhinaus z.B. die besonders schöne Mono-Aufnahme des "Schwanengesangs"
Schwanengesang/Erlkönig/+ hinweisen.
Homogenität und ein immer sehr solides bis hohes Niveau ist dieser für den Schubert-Liebhaber wohl unentbehrlichen Box nicht abzusprechen!