Ich interessiere mich für Hildegard von Bingen und war froh, ein Buch mit "Liedern" von ihr gefunden zu haben - doch meine Enttäuschung ist groß. Denn was ich gleich auf der ersten Seite im Vorwort vom Schweizer Tituralprofessor Walter Nigg lesen musste, nämlich dass Hildegard zu jenem Zeitraum gehörte, "da die Romantik langsam von der Gotik abgelöst wurde" kann nicht einfach nur ein Buchstabe zu viel sein, sondern ist ganz einfach falsch. Die kulturgeschichtliche Epoche der "Romantik" fand erst sehr viel später als die "Gotik" statt. Was Walter Nigg also meint, ist die "Romanik", die noch von einer sehr mythischen naturgläubigen Welt durchdrungen war im Gegensatz zur Gotik, deren Geisteshaltung durch eine große Ungläubigkeit, Verfall der Sitten und eine lose Einstellung zur Sexualität geprägt war.
Walter Nigg verlangt vom Leser eine "innere Sammlung", um Hildegards Spiritualität zu erfassen, ohne die eine Annäherung an ihre Werke sicherlich nicht möglich ist. Dass er dabei aber auf Erklärungen verzichtet, wir die "Lichtschau" ihrer Werke aber annehmen sollen und er uns von östlichen Meditationspraktiken abrät, die wir "stümperhaft nachahmen" und "die für uns Christen doch zu nichts Ernsthaftem führen", erweckt in mir den Eindruck von wenig Toleranz und kommt mir sehr einseitig auf eine christliche Leserschaft ausgerichtet vor.
Doch dem nicht genug. Er verlangt noch Folgendes von uns: "Wir müssen von Heiligen groß denken. Uns droht heute die Gefahr, dass wird die christliche Wahrheit als Trivialität vertreten. Ein banal aufgefasstes Christentum ist schlimmer als Lästerung und Leugnung." Von Hildegard von Bingen erfahren wir Folgendes: dass sie 1098 als Tochter eines Grafen in Bermersheim geboren wurde, sie später Äbtissin war und das Kloster Rupertsberg gründete. 1141 kam die göttliche Erleuchtung über sie und sie erlebte Schauungen, die sie ihren Liedern niederschrieb. Doch gerade diese Lieder sind in der heutigen Zeit nur schwierig zu verstehen und schwer einzuordnen. Hier hätte ich theologische Erklärungen durchaus für sinnvoll gehalten. Ich kann als Protestantin z.B. wenig anfangen mit der häufig wiederkehrenden Lobpreisung der Jungfrau Maria.
Es sind 25 Lieder sowohl in Lateinisch als auch in Deutsch abgedruckt. Noten findet man nicht im Buch. Walter Nigg bezeichnet Hildegard von Bingen als die "christliche Antigone", die kein Blatt vor den Mund nahm. Sie fand glühende Worte der Ermahnung gegenüber dem Klerus, der es im 12. Jahrhundert nicht allzu genau nahm mit dem Gotteswort, doch das kann ich wiederum in den Liedern nicht finden. Positiv aus dem Buch nehme ich mit, dass Hildegard von Bingen uns das "überwältigende Staunen" über Begreifliches und Unbegreifliches im Bilderbuch Gottes wieder lehren wollte.
DIE LIEBE ÜBERFLUTET DAS ALL
Von der Tiefe bis hoch zu den Sternen
überflutet die Liebe das All,
sie ist liebend, zugetan allem,
da dem König, dem höchsten,
sie den Friedenskuss gab.